Graf Blaubarts Ende

Für mein Verständnis ist der Blaubart-Charakter das Böse in uns, eine klar umrissene und letztendlich unzerstörbare Kraft, die jeder Mensch in sich selbst kennenlernen und so bald wie möglich in die Schranken weisen muß. Ideal ist’s, wenn frau lernt, mit dem Schatten zu tanzen.

Du brauchst ein Bild für einen Blaubartcharakter? „Es sind die Heldengestalten, die heimlich nach Macht und Herrschaft über irgendetwas Gewaltiges streben. Da bläst sich eine Facette der Persönlichkeit so weit auf, dass sie meint, besser als, überlegener als, oder wenigstens genauso mächtig wie jenes Unnennbare zu sein, das über Werden und Vergehen aller Dinge bestimmt. Die Konsequenz ist fast immer ein Sturz, ein Fall aus großer Höhe.“

So beschreibt Clarissa Pinkola Estés in der „Wolfsfrau“ diese Figur. In Polititkerkreisen ein weitverbreitetes Phänomen, aber nicht nur.  

Der Archetyp des Blaubarts ist in Männern und Frauen gleichermaßen angelegt. Es ist unser Schattenanteil, den wir anschauen und in unser Leben integrieren müssen, den wir mutig benennen und zum Tanz auffordern müssen. Dann kommen wir mehr und mehr in jene Urkraft, nach der wir uns so sehnen. Wir sind Licht und Schatten, gut und böse

Nun aber zum Ende von Blaubart

Den Schlüssel zur verbotenen Kammer, versteckte die junge Frau in ihrem Kleiderschrank. Schon am nächsten Tag kehrte Blaubart zurück und erkundigte sich, wie es ihr ergangen wäre. Sie beteuerte, dass alles Bestens wäre und sie wieder froh sei, dass er gesund zurückgekehrt ist. Als er den Schlüsselbund verlangte, bemerkte er natürlich sofort, dass der kleinste Schlüssel fehlte. Alle Ausreden halfen der Frau nichts, denn die nicht enden wollende Blutspur des Schlüssel verriet das Versteck. 

„Jetzt mußt du büßen, du verlogenes Weib! Jetzt gesellst du dich zu den Leichen meiner früheren Gattinnen“. „Oh, bitte, bitte! Gewähr’ mir ein Viertelstündchen Zeit, um den Frieden mit meinem Gott zu machen“. Graf Blaubart willigte ein, aber die Frau ging in ihr Schlafgemach, rief ihre Schwestern zu Hilfe und beauftragte sie, ihre Brüder zu rufen, um Blaubart zu überwältigen. Jede Minute fragte sie:“ Schwestern, Schwestern, seht ihr unsere Brüder kommen?“ „Nein, nichts rührt sich in Wald und Flur“, antworteten diese.

Und wieder und wieder rief sie:“Schwestern, Schwestern, seht ihr unsere Brüder kommen?“ Und kurz vor Ablauf der Frist kam die Antwort:“Ja, sie kommen, sie reiten wie der Wind! Soeben sind sie in den Schlosshof eingeritten!“

Blaubart wollte seine Frau gerade an der Kehle packen, als die Brüder kampfbereit dazwischensprangen. Sie trieben ihn mit ihren Schwertern bis auf den höchsten  Festungswall und schlugen auf ihn ein, bis er zu Boden ging, und die Brüder ihm den Todesstoß versetzten. 

Dann wandten sie sich ab, um den Bussarden zu überlassen, was an elenden Überresten von ihm übrig war.

 

„Wir müssen mutig und
unerschrocken hinschauen,
wieviel Frauenpsychen
durch die Jahrtausende
zerstückelt im Keller
der Geschichte lagern
und was auch heute noch
Frauen angetan wird.“

– Sissy Sonnleitner

Auch du kennst Graf Blaubart

Er ist der Archetyp des ältesten Widersachers beider Geschlechter. Was unsere Psyche nicht gut integrieren, oder aber auch ausleben darf, wird in den Untergrund gedrängt und kann dort sein Unwesen treiben. Und wenn wir daran denken, wie sehr Frauen unserer Generation domestiziert wurden, ahnt frau, dass da allerhand zusammenkommt. Wenn wir nicht lernen, unsere Schattenseiten anzunehmen und zu integrieren, sondern immer nur lieb, demütig und angepasst sind, drängen diese auf Umwegen ja doch ans Licht. So werden Frauen nörglerisch und zickig, flüchten sich in die Hilflosigkeit, brechen plötzlich und für ihre Umwelt unverständlich aus scheinbar geregelten Bahnen aus, halten verzweifelt an ihrer Jugend fest usw. 

Das Patriarchat ist der Lieblingstummelplatz von Blaubart, da sind Menschen schon so schön niedergehalten, da hat er ein leichtes Spiel. Die Missbrauchsskandale der Kirche sind das gruseligste Beispiel.

Wie zähmt frau Graf Blaubart?

Die jüngste Schwester repräsentiert eine psychische Kraft, die sich nach einer ekstatischen und rundum erfüllenden Lebensweise sucht, aber einen gefahrvollen Umweg wählt, in der sie sich der zerstörerischen, männlichen Energie in ihrer Psyche ausliefert und ihr gehorcht. Sie wählt, wie schon das Mädchen mit den roten Schuhen, den reizvollen, bequemen Weg. Obwohl die Instinkte soweit intakt sind, dass sie Zweifel an der Seriosität des Verführers riechen.

Wir Frauen sind mit intuitiven Vorahnungen ausgerüstet und begabt, und es gilt, diese Anlage zu unterstützen und zu trachten, dass wir nicht von unseren Urinstinkten abgeschnitten werden.

In meinen beruflichen Entscheidungen kann ich heute noch ganz genau erkennen, wann ich, aus welchen Gründen auch immer, nicht auf meine Intuition gehört habe. Bequemlichkeit, Feigheit, Harmoniesucht waren häufig der Grund. Auch wurde sie erst mit den Jahren stärker, verlässlicher und unmissverständlicher.

Oft hat es mir gedient, mein Bauchgefühl: An drei Situationen erinnere ich mich, in denen ich Menschen des Diebstahls überführen konnte und mir nichts als meine Intuition zur Verfügung stand, die aber so stark war, dass ich ihnen ihre Verfehlung einfach ins Gesicht zusagte und alle zerknirscht gestanden haben.

Der Wechsel bringt die Brüder

Die Brüder sind die Rettung. Sie stehen in diesem Märchen für die männlichen Anteile unserer Psyche. Und wenn dann in den Wechseljahren der Testosteronanteil zunimmt, das männliche Hormon, dann sind sie da die „Brüder“. Wenn frau sich dann noch nicht ganz von ihrer Instinktnatur abgeschnitten hat, dann vergeht dem Blaubart das Lachen. Dann gehen viele Frauen fokussiert und mutig ihren Weg. 

Du musst nicht auf die Wechseljahre warten: bleib neugierig, stell‘ die richtigen Fragen, schau‘ und hör‘ genau hin und vertrau‘ Deiner Intuition.

Anfangs habe ich geschrieben, dass das Märchen nichts für Zartbesaitete ist. Eher glaube ich, dass wir mutig und unerschrocken hinschauen müssen, wieviel Frauenpsychen durch die Jahrtausende zerstückelt im Keller der Geschichte lagern und was auch heute noch Frauen angetan wird. Der Rekord an Frauenmorden in Österreich spricht eine klare Sprache.

Die Gegenspielerin

„Die Stimme unserer Intuition geht nie verloren, sie wird nur ganz leise, wenn frau sie nicht oft benutzt. Wir müssen Fragen stellen, neugierig herumschnüffeln, den Dingen auf den Grund gehen. Wir müssen sehen wollen, was wir sehen, hören wollen, was wir hören, und dem daraus gewonnenen Wissen entsprechend handeln.“ Schreibt die Autorin, und weiter:

„Die Gegenspielerin des Blaubart ist die wilde Wolfsfrau. Wenn wir sie mit guter Energie füttern, wälzt sie alle Barrikaden nieder, die der Seelenräuber aufgebaut hat. Diese Alte ist keine religiöse Figur, kein Sendbote Gottes, sondern eine lebendige Naturkraft, die uns in jeder Lebenslage zur Verfügung steht. Sie und der Räuber sind alte Bekannte. Sie sagt den Frauen, wann Nettigkeit und Süße schlicht fehl am Platz sind. Denn wenn es nötig ist, das Seelenreich zu schützen, ist es nicht nur angebracht, eindeutige Grenzen zu ziehen, es ist lebensnotwendig. Mit der Wolfsfrau als Verbündete sind wir nicht länger Zielscheibe und willige Opfer. Und das ist die Medizin, die den Schlüssel mit der nicht enden wollenden Blutspur ein für alle mal versiegelt.“

Hast Du ihn wiedererkannt, den schönen Grafen? Schreib’ mir gerne!

Herzlichst

Sissy