Rahmen vorhanden – suche Bild

Im Rahmen seines Buches „Ein Singen geht über die Erde“ hat Bischof Reinhold Stecher 1981 unter diesem Titel das Osterfest in unserer säkularisierten (weltverlorenen) Welt beschrieben. Ich durfte den Text für mein erstes Kochbuch „um einen Tisch“ verwenden.

Ich bin seit Jahrzehnten auf Herbergsuche in meiner katholischen, eher wohl in meiner christlichen Kirche unterwegs und der Titel von Bischof Stechers Geschichte passt so ganz zu meiner Suche. Immerhin weiß ich inzwischen, dass ich den schönen, prunkvollen, antiken Rahmen behalten will. Dass ich meiner Kirche dienen will, weil ich auf unzählige erhebende, erfüllende, bereichernde Erlebnisse mit Menschen in dieser Kirche zurückblicke, weil ich die Jahresstruktur liebe und weil sich meine Seele beim Besuch jeder Kirche öffnet. 

In diene einer Gemeinschaft, an deren Sinn ich glaube:“Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammenkommen, da bin ich mitten unter ihnen“.

Andrerseits musste ich etliche Deckel in meinem Hirn öffnen und unzählige Lieblosigkeiten verarbeiten und fatale Irrtümer zurechtrücken. 

Also welches Bild passt in den Rahmen, und ich ahne, mit kleinen Korrekturen ist da nichts mehr zu machen. Welcher Glaube passt in das Bild? An welchen Gott kann ich glauben?

„Schaffen wir es,

aus der Kirche

einen Ort

der gelebten

Liebe

zu machen?“

– Sissy Sonnleitner

Wie geht’s weiter?

Die Ereignisse der letzten Tage, Monate, Jahre machen die Risse größer und mein Gesamtkonstrukt brüchig. Nun drängt es mich, meinen ganz persönlichen Weg des „aggiornamento“, der zeitgemäßen Auslegung des christlichen Glaubens, die Papst Johannes XXIII im 2. vatikanischen Konzil 1963!! forderte, schonungslos für die Kirche, weiter zu gehen.  

Für mich ist die zentrale Frage:“Schaffen wir es, aus der Kirche einen Ort der gelebten Liebe zu machen?“

Auf der Plattform „wir sind Kirche“ habe ich ein spannendes, wenngleich ketzerisch klingendes Konzept von Roger Lenaers SJ gefunden:„Unseren Glauben  zeitgemäß leben und verkünden“. Lenaers war Jesuit in Belgien, studierte Theologie, Philosophie und Altphilologie hat bis 2016 in seiner Pension als Priester in Tirol gewirkt. 2021 verstarb er. Ich will den sehr komplexen und langen Text in den nächsten Blogartikeln vorstellen. 

Lenaers schreibt: Die christliche Weltanschauung ist auf den Glauben an einen Gott-in-der-Höhe aufgebaut, einen Theos, das griechische Wort für Gott, der sich von dort mit dem Kosmos und ganz besonders mit der Menschheit beschäftigt, Wahrheiten offenbarend, Gesetze gebend, richtend und belohnend oder bestrafend, je nachdem, ob man seine Gesetze befolgt oder nicht befolgt, ab und zu hier eingreifend, wenn man ihn lange genug darum bittet.

Dieses Bild ist in Urzeiten entstanden, als Menschen sich Naturphänomene nur durch das Eingreifen höherer Mächte, der Götter, erklären konnten. Nach den Göttern entstand der Monotheismus von Juden, Islam und Christentum. Nun war es nur mehr ein Gott, im Christentum der dreifaltige Gott. 

Und die Gewissheit dass es solche unberechenbaren und stets einigermaßen zu fürchtenden Götter, oder den einen Gott gab, hat die Religionen hervorgebracht, kollektive Formen der Verehrung dieser Mächte, von dazu anerkannten Kultusfachleuten organisiert. Die Angst hat die Götter, den Gott in der Höhe, erzeugt und die Welt erklärt.

Ein katholischer Atheismus

Die modernen Wissenschaften haben nun ans Licht gebracht, dass der Kosmos seinen eigenen Gesetzen folgt, autonom ist, nicht von außen dirigiert wird, nicht von einer anderen Welt abhängig ist, die souverän entscheiden sollte, was hier zu geschehen hat. 

Nach der Zeit der Aufklärung wird dieser Monotheismus, besonders im Christentum, zusehends vom Atheismus abgelöst. Denn sich von diesem Gott zu verabschieden, wie es die Moderne tut, bedeutet Atheismus –  Religionslosigkeit. Das erleben wir gerade jetzt sehr intensiv und für die Kirche höchst bedrohlich. 

Spannend für mich ist, dass ich mich in meiner Familie und in Gesprächen mit unterschiedlichen Menschen immer öfter mit sogenannten „katholischen Atheisten“ oder, wie Albert Einstein von sich behauptete, „tief religiösen Atheisten“ engagiert über Glauben und Kirche unterhalte.

Uns verbindet die tiefe Sehnsucht, nach jenem Ort der gelebten Liebe und das Unvermögen, diesen Ort in der Kirche zu finden.

Die Vision von Dietrich Bonhoeffer

Roger Lenaers versucht, einen atheistisch, religionslosen christlichen Glauben zu kultivieren. Den Samen dafür hat seiner Ansicht nach, Dietrich Bonhoeffer, der evangelische Theologe, aus der Hitlerzeit gelegt, der kurz vor dem Kriegsende von den Nazis in Flossenburg aufgehängt worden ist. Einige Monate vorher, hatte er aus dem Nazigefängnis Spandau an seinen Freund und späteren Biographen Eberhard Bethge seine Intuition, seine Ahnung und seine Erkenntnisse in zwei langen, theologisch geladenen Briefen ausgesprochen.

„Wir sollen in der Welt leben, als gäbe es Gott nicht. Gott selber lässt uns wissen, dass wir leben sollen als Menschen, die mit dem Leben fertig werden ohne Gott. Der Gott, der uns in der Welt leben lässt ohne die Arbeitshypothese Gott, ist der Gott vor dessen Angesicht wir fortwährend stehen. Vor und mit Gott leben wir ohne den Gott-in-der Höhe. 

Wenn Religion nur ein Gewand des Christentums ist (und dieses Gewand sah in den unterschiedlichen Perioden der Geschichte sehr unterschiedlich, bis höchst dramatisch befleckt  und beschmutzt aus) was ist dann ein Christentum ohne Religion? Wie reden wir über Gott ohne Religion? Wie reden wir „weltlich“ über Gott, wie sind wir Christen auf religionslose, weltliche Weise? Was bedeuten Kultus und Gebet in einem a-religiösen Kontext?“

Weiters fordert Bonhoeffer:„Die Entwicklung zur Mündigkeit der Welt, [mit Mündigkeit meint er Autonomie], die abrechnet mit einer unrichtigen Gottesvorstellung, macht den Blick frei für den Gott der Bibel, der durch seine Machtlosigkeit in der Welt Macht und Raum bekommt.“

Bonhoeffer ist sich also bewusst geworden dass es zwei Gottesbilder gibt. Das eine ist das traditionelle, gängige Gottesbild, das des Christentums, der Kirchen. Aber in der Nazizeit hat sich gezeigt, wie Bonhoeffer sich klar bewusst geworden ist, dass dieses Gottesbild sich problemlos einfügen lässt in ein System, das keine Bedenken hat, gegen Eroberungskriege, nationalen Stolz, Menschenverachtung, Machthunger, Mord, Gewalt, Unterdrückung, Verfolgung.

Offensichtlich sahen die Kirchen keinen deutlichen Widerspruch zwischen ihrem Gottesbild und diesen Formen der Unmenschlichkeit. Auf jeden Fall haben sie sich nicht ausdrücklich davon losgesagt, nicht kollektiv dagegen protestiert, haben vielmehr aus so genannter Vaterlandsliebe, dem System Hand- und Spanndienste geleistet. Ein solches Gottesbild ist falsch, ist verwerflich, sieht Bonhoeffer, ist eine Beleidigung des wahren Gottes, dessen Bild er intuitiv doch sehen musste, sonst konnte er das Falsche nicht als falsch erkennen und es mit so großer Entschiedenheit verwerfen.

Aber was Bonhoeffer erst durch seine Erfahrungen mit dem Nazismus in einem hellen Licht gesehen hat, war schon längst vorher da, war schon seit Jahrhunderten da. Nur hatten die Christen es offensichtlich nie gemerkt. Die Unmenschlichkeit des Nazismus war nur die Fortsetzung von Jahrhunderten von Unmenschlichkeit, die die europäische Geschichte blutrot färbt. 

Erst als die Aufklärung diesen Gott-in-der-Höhe von seinem Thron gestoßen hatte, wurde Raum frei für ein anderes und besseres Gottesbild. Wie sieht dann dieses moderne und zugleich christliche Gottesbild aus? Es muss atheistisch sein und daher eine Absage enthalten an alles, was mit dem Gott-in-der-Höhe zu tun hat. Und das ist kein leichtes Unterfangen, denn das Glaubensbekenntnis und die Bibel und die Liturgie und die ganze Moral und die ganze Kirchengeschichte sind voll vom richtenden, eingreifenden Gott-in-der-Höhe. 

 „Spüren dass hinter allem Erfahrbaren etwas sich verbirgt,
das unser Verstand nicht zu fassen vermag,
etwas, dessen Schönheit und Erhabenheit
nur indirekt und wie ein schwacher Abglanz
zu uns kommt,
das ist meine Religiosität.
In diesem Sinne bin ich ein tief religiöser Atheist.“

Albert Einstein

Gott ist viel größer

Dennoch gibt es ein solches modernes Gottesbild. Ein Zitat von Einstein zeigt, dass sogar die atheistische Moderne eine Ahnung davon hat. Er schreibt: „Spüren dass hinter allem Erfahrbaren etwas sich verbirgt, das unser Verstand nicht zu fassen vermag, etwas, dessen Schönheit und Erhabenheit nur indirekt und wie ein schwacher Abglanz zu uns kommt, das ist meine Religiosität. In diesem Sinne bin ich ein tief religiöser Atheist.“ Es geht um dieses „Etwas“. Und das kann in einer christlichen Perspektive erscheinen.

Das Gottesbild Bonhoeffer sah das Bild eines Gottes, der für die Menschen da ist, der zu Menschlichkeit aufruft. 

Ich fürchte, dass ich mit diesem Blogartikel viele meiner Leser*innen irritiere, bis verstöre. Aber mein Blog ist mein Platz, an dem ich deponiere, war mir am Herzen brennt. Und wenn ich mit meinen Gedanken auf Menschen treffe, die sich davon in der Seele berühren lassen, dann entstehen Möglichkeitsräume, dann richtet sich unser Blick auf das, was wir uns wünschen. 

Ich wünsche mir ein Gottesbild, das meinen Kirchenrahmen bei Weitem sprengt, das uns die wahre Größe Gottes neu ahnen lässt, das in jedem Menschen zu finden ist. Und dann gibt es weltweit nur mehr eine Mission: Den Menschen erinnern an seine Größe, an seine Würde, und an seine Freiheit. Das ist ein Gott, zu dem ich beten kann, Gott als ich in mir, und das ist ein Gott, vor den ich mich hinstelle und sage:“ Hier bin ich, mach’ mich zu einem Werkzeug Deines Friedens“!

Schreib mir gerne Deine Gedanken als Kommentar!

Herzlichst

Sissy

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2 Kommentare

  • Aygül sagt:

    Ich versuchte, ihn zu finden am Kreuz der Christen, aber er war nicht dort. Ich ging zu den Tempeln der Hindus und zu den alten Pagoden, aber ich konnte nirgendwo eine Spur von ihm finden. Ich suchte ihn in den Bergen und Tälern, aber weder in der Höhe noch in der Tiefe sah ich mich imstande, ihn zu finden. Ich ging zur Kaaba in Mekka, aber dort war er auch nicht. Ich befragte die Gelehrten und Philosophen, aber er war jenseits ihres Verstehens. Ich prüfte mein Herz, und dort verweilte er, als ich ihn sah. Er ist nirgends sonst zu finden.

    Dschalal ad-Din Muhammad Rumi (1207 – 1273)

    • Sissy Sonnleitner sagt:

      Liebe Aygül! Danke für den wunderbaren Text von Rumi und welch‘ ein Geschenk, wenn
      Gott sich da finden lässt: Gott als ich in mir.
      Ich danke Dir von ganzem Herzen dafür. Herzlichst
      Sissy

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