Ich bin richtig

Wie sieht es aus mit deinem Neujahrsvorsatz? Du willst mit dem Rauchen aufhören, mehr Bewegung machen, hoffentlich nicht schon wieder 10 kg abnehmen? Mein Neujahrsvorsatz führt mich seit Jahren näher zu mir selbst und meinen Lebensaufgaben.

In meinem ersten Kochbuch, das im Jahreskreis aufgebaut ist, habe ich Gäste, Freundinnen und Freunde gebeten, mir ihre Gedanken zu diversen Anlässen zu schreiben. Und so sandte mir Ulrich Schulz-Buschhaus, ein von mir sehr geschätzter, renommierter Romanist, seine Überlegungen zum Silvestertag.

Ende und Wiederanfang

„Am letzten Tag des Jahres pflegen wir Bilanz zu ziehen. Wenn sie befriedigend ausfällt, mag uns das euphorisch stimmen; doch selbst wenn das Fazit zu wünschen übrig lässt, müssen wir nicht unbedingt verzagen: Indem der Silvesterabend in den Neujahrstag übergeht, suggeriert die Datenfolge nach dem eventuell misslichen Ende die Chance eines frischen und besseren Beginns. 

Nüchtern betrachtet, bleibt die Chance meistens eine Illusion; denn wirklich neu anzufangen, ohne von vorausgegangenen Entscheidungen und Fügungen berührt zu werden, ist uns wohl niemals gegeben. Trotzdem gehört gerade die Idee des neuen Anfangs zu den notwendigsten Fiktionen im menschlichen Leben. Es wäre schlecht um uns bestellt, wenn wir nicht immer wieder den Vorsatz fassen könnten, ein anderer zu werden, schlechte Gewohnheiten abzulegen, Mängel zu beseitigen und in Zukunft einem idealen Biographie-Entwurf zu folgen. 

Dass ein solcher Vorsatz, so wenig konkreten Erfolg er auch zeitigen mag, ständig wiederholbar ist, symbolisiert sich in der regelmäßigen Wiederkehr von Weihnachten und Neujahr. Eine Zeit, vollgepackt mit Hoffnung und solche Hoffnungen haben auch dann ihre euphorisierende Wirkung, wenn man – aus der Erfahrung skeptisch geworden – an ihre reale Erfüllbarkeit nicht mehr recht glauben mag…“

Mut und Zumutung

Welch ein Jahr liegt hinter uns. Nahezu nichts, von dem, wie wir uns die Welt gedacht haben, hat noch Bestand. Wir müssen die Zukunft neu denken, sagt die Trendforschung.

Zukunft

verborgen im Dunkel
liegst du vor mir
sehnsuchtsvoll
erwarte ich Dein Kommen
sehnsuchtsvoll
wag ich mich vor
Schritt
für
Schritt
die Angst im Nacken
Angst vor wem?
Angst wovor?

Ich kenn mich nicht
bin nicht
zu Haus in mir
fühl mich nicht wohl

keiner kann’s mir sagen
keiner soll’s mir sagen

will es selbst ergründen

…..und Du mein Gott
wirst bei mir sein.

– Heidrun Bauer SDS

Die Birke scheint mir ein gutes Symbol für das neue Jahr. Sie steht für den Frühling und die Fruchtbarkeit, für aufkeimende Hoffnung, romantische Sehnsüchte und sie soll Glück verheißen.

Ich bin richtig

und ich vertraue

dem Leben.

– Sissy Sonnleitner

Das alles kommt gerade recht in der Krise, die viele als Zumutung empfinden. Menschen gehen auf die Straße und demonstrieren für ihre Grundrechte. Über ihre Grundpflichten sprechen sie nicht. Sie achten nicht auf Abstand und die Maske ist ebenfalls kein Thema für sie. 

Wie wohltuend im Gegensatz dazu die Worte von Klaus Maria Brandauer, der mir aus der Seele spricht: „Ich bin ein freiheitsliebender Mensch und ich bin ein guter Untertan“. Das Eine schließt das Andere nicht aus. In solchen „Zumutungszeiten“ muss sich, wie ich denke, das Individuum zugunsten der Gemeinschaft zurücknehmen. Bedeutet Zumutung denn nicht, dass uns Mut zugetraut, ja, als Parole zugerufen wird

Die Zeit der Jungen

Der Jahresbeginn ist heuer ganz anders und auch wir sind gefordert, uns neu zu denken. Welch ungeheure Chance! Meine Hoffnung ruht auf den Frauen und der Jugend.

Jene jungen Menschen, die neben den alten zurzeit als Verliererinnen und Verlierer der Krise bezeichnet werden. Kurzfristig mag das auch stimmen. Wirken doch soziale Kontakte als Lebenselixier, über das sich die jungen Menschen definieren und wahrnehmen. Aber langfristig zähle ich sie zu jenen, die aus der Krise als Gewinnerinnen und Gewinner hervorgehen werden, wenn sie in das Geschehen der Welt eingreifen und eine neue Welt denken. Wenn sie sich nicht damit zufrieden geben, wie gelähmt auf den Scherbenhaufen zu starren, den wir ihnen hinterlassen werden, sondern aus dem Scherbenhaufen Neues gestalten. Wenn sie ihre Kräfte einsetzen und die Ökonomie ökologischer machen. 

Mit ihnen und all jenen, die sich mutig dem Leben begegnen wollen, teile ich meinen Neujahrsvorsatz:  

Ich bin richtig und ich vertraue dem Leben.

Das mag nicht spektakulär klingen und auf den ersten Blick auch ganz bequem. Viele von euch wissen aber, welcher Kraftakt vonnöten ist, bis frau und man von genau zu dieser Erkenntnis gelangt: Ich bin richtig. Einigen Fallstricken auf diesem Weg werde ich in diesem Jahr immer wieder wie einem roten Faden in diesem Blog folgen. 

Ich bin richtig. Der Satz kann als völlig unkritische Selbstverliebtheit verstanden werden, als Egozentrik, ja fast schon als Narzissmus, wie ihn Donald Trump auslebt, der sicher überzeugt davon ist, richtig zu sein. 

Wie kannst du nun zu dem „Ich bin richtig“ gelangen, ohne in eine Falle zu tappen?

Alfred Adlers Lebensaufgaben

Die Antwort habe ich bei Alfred Adler gefunden. Er war ein österreichischer Arzt, Psychotherapeut und Zeitgenosse von Sigmund Freud. Seine Sichtweisen unterschieden sich allerdings wesentlich von Freuds Lehren. Während laut Freud die Vergangenheit das Jetzt beeinflusst, sieht Adler das jeweilige Ziel, das wir uns setzen, als entscheidenden Faktor, der unser Tun und Fühlen lenkt.

Was seiner Ansicht nach den meisten Menschen fehlt, ist der Mut, glücklich zu sein. Und er lieferte auch eine Definition vom Glück.

„Um glücklich zu sein,

  • muss ich von mir sagen können; ich bin richtig,
  • brauche ich gute zwischenmenschliche Beziehungen, 
  • und muss mich meiner Lebensaufgabe stellen.“

Dazu schuf Adler drei Kategorien von zwischenmenschlichen Beziehungen:

  • Aufgaben der Arbeit
  • Aufgaben der Freundschaft
  • Aufgaben der Liebe

Alles zusammen bezeichnet er als die Lebensaufgabe, die so individuell sei wie jeder einzelne Mensch. An diesen Aufgaben führt kein Weg vorbei, meint Adler.

„Die niedrigste Hürde für gesunde Nähe und Distanz haben die Arbeitsbeziehungen“, schreibt er.Sie haben das Ziel, möglichst Sinn zu stiften und zu guten Ergebnissen zu führen.“ 

Nun, da habe ich natürlich mit meiner Arbeit einen Treffer gelandet. Gastfreundschaft zählt zu den wertvollsten Tätigkeiten, ja, fast möchte ich sagen: Gaben. In all meinen Kochbüchern steht die Stelle aus dem Hebräerbrief 13,2: „…und vergesst die Gastfreundschaft nicht, durch sie haben einige, ohne es zu wissen, Engel beherbergt.“ 

Gastfreundschaft ist, wie ich erfahren habe, auch ein guter Kitt, der Freundschaften festigt. Dazu Adler: „Nähe und Tiefe in Freundschaften entstehen nicht von allein, sind aber wesentlich. Jede der Beteiligten macht idealerweise Schritte  aufeinander zu.“

Was die Liebe betrifft, so beschreibt sie Adler als Aggregatzustand, der die komplexeste Form, die geringste Distanz und die größte Tiefe aufweise. Dabei unterscheidet er zwei Ebenen: die echte Liebesbeziehung zwischen erwachsenen Menschen und die Eltern-Kindbeziehung. Erstere könne man auch trennen, sie halte nur ein rotes Band zusammen. Im Gegensatz dazu sei die Beziehung zwischen Eltern und Kind unauflöslich. Sie wird von eisernen Ketten gehalten.

Das sind nach Adler die Lebensaufgaben, von denen wir nicht davonlaufen können. Es gibt keinen Perfektionsanspruch, es gibt keine Schulnoten, aber wir müssen uns den Aufgaben stellen. Manches wird uns besser gelingen, manches weniger gut. 

Und diese Lebensaufgaben schaffen das, was nach der Adlers Psychologie das Ziel ist. Nämlich die Erkenntnis: Ich bin richtig und ich leiste meinen Beitrag für die Gesellschaft.

Ich denke, jede Frau, jeder Mensch, die/der sich der eigenen Lebensaufgabe stellt, tut das Beste für sich, für das persönliche Umfeld und leistet einen wertvollen Beitrag für unsere kranke Welt.

Mein Neujahrsvorsatz gilt, wie du siehst, nicht nur dieses Jahr. Ich bin richtig und ich vertraue dem Leben.  So lautet mein Lebensvorsatz. 

Ich bin richtig. Dieser Satz möge auch dich am Anfang des Jahres ermutigen, dich deinen Lebensaufgaben zu stellen.

Ich wünsche uns allen ein starkes, licht- und freudvolles Jahr!

Herzlichst

Sissy

LITERATUR

Sissy Sonnleitner – um einen Tisch
Ichiro Kashimi und Fumitake Koga – du musst nicht von allen gemocht werden
Heidrun Bauer SDS – Seelenspuren

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