Verwurzelt und geschnitzt

Ich bin stolz auf das Holz, aus dem ich geschnitzt bin, und dankbar für die Qualitäten, die mir meine Vorfahren mitgegeben haben. Einiges von diesem Erbe hat sich mir erst nach und nach erschlossen.

Was ich auf die einsame Insel mitnehmen würde? Ganz sicher eine Aufnahme der vier letzten Lieder von Richard Strauss, gesungen von Jessye Norman. Diese wunderbare, afroamerikanische Sängerin war eine Frau voll Charisma und Leidenschaft, die mich auch über ihren Tod hinaus –– sie starb 2019 – beeindruckt.

In einem Interview erzählte sie von ihren Wurzeln: „Meine Urgroßeltern waren noch Sklaven, meine Eltern schon Landbesitzer. Das Wissen, aus so einem Holz geschnitzt zu sein, macht mich stark.“

Das Holz, aus dem wir geschnitzt sind, ist ein spannendes Thema, wie ich finde.

Meine Urgroßmutter

Ich war ein neugieriges Kind. Meine Großväter kannte ich kaum. Fast alles, was ich heute über sie weiß, wurde mir erzählt. Die Großmütter durfte ich bis in die Pubertät genießen und studieren. Und dann gab es noch meine Urgroßmutter Ottilie. Sie war eine außergewöhnliche Frau und eine der zentralen Persönlichkeiten meiner Ahnenreihe. In vielen Anekdoten erfuhr ich, wie sehr sie ihre vier Enkelsöhne vergötterte und ihre Enkeltochter ständig maßregelte. Zugleich  wurde sie mir als überaus tüchtige Frau geschildert, die die Geschicke des Unternehmens maßgeblich lenkte. So entschied sie im Alleingang, aus der Färberei ein Gasthaus zu machen, nachdem 1903 in Mauthen bei einem Großbrand alle Gasthäuser abgebrannt waren.

In unserem Restaurant hingen die Porträts von Ottilie und ihrem Ehemann. Auf mich wirkte sie sehr streng, fast angsteinflößend. Wenn mich meine beruflichen Aufgaben manchmal überforderten, ging ich schon in Diskurs mit ihr. 

In den Familiengeschichten wurde mir Ottilie als harte, engstirnige Frau geschildert. Ähnlich wie jene Frau, die vor Jahren in unserem Restaurant zu Gast war. Eine Tiroler Großhotelière saß mit einer Freundin in der Bar und ließ ihren Blick über das üppige Grün unseres Gartens schweifen. Die Wiesen rund um ihrem Hotel habe sie zubetoniert, meinte sie sichtlich stolz. „Wir brauchen Parkplätze.“ Ich war damals noch sehr jung, dennoch weckten die Härte und Engstirnigkeit dieser Frau Mitleid in mir und sie erinnerte mich an die Erzählungen über die bittere Alte unter meinen Ahninnen.

Ich bin stolz auf das Holz

aus dem ich geschnitzt bin.

– Sissy Sonnleitner

Die bittere Alte

Im Märchen der roten Schuhe, den du in diesem Blog nachlesen kannst, begegnet sie uns auch, die bittere Alte. „Im Idealfall symbolisiert eine alte Frau Würde, Weisheit, Tradition, Lebenserfahrung und Herzensgüte, durchaus gepaart mit kratzbürstigem Humor, barscher Geradlinigkeit und/oder neckischer Verspieltheit“, schreibt Clarissa Pinkola Estés in der Wolfsfrau.

Bei verbitterten alten Frauen scheint die Psyche im leistungsorientierten Alltagskampf steckengeblieben und erkaltet zu sein. „Etwas, das normalerweise vital und warm ist in der Psyche des alternden Menschen, ist kalt und niedergewalzt“, so die Autorin.

Ich bin stolz auf das Holz, aus dem ich geschnitzt bin. Im Besonderen für die vielen Talente, die ich beispielsweise von meiner Mutter geerbt habe, und auf die väterliche Leichtigkeit, die sich im Alter nach und nach einstellt. Ich bewundere sie alle, meine Ahnen, wie sie offensichtlich gut mit Schicksalsschlägen umgehen konnten, wie sie lebensgefährlichen Situationen meisterten, Verluste ertrugen und dem Tod begegneten. 

Vor diesem Hintergrund kann ich die Härte und Engstirnigkeit meiner Urgroßmutter auch von einer anderen Seite betrachten und sehe die Zielstrebigkeit und Vision dieser Frau. So begegne ich ihr heute versöhnlicher und erkenne demütig ihren Schatten in mir.

Die Alten und die Jungen

Das Holz von Traditionshäusern und -familien – im Tourismus, im Bauernstand, aber auch in alten Kaufmannsfamilien –birgt meiner Ansicht nach besondere Qualitäten, die sich aber erst dann entfalten können, wenn nicht eine Generation wie bei der russischen Matrjoschka über die andere gestülpt wird. Und wenn jede neue Generation die Chance erhält, neue Wege zu wage.

LOSSPRECHUNG

Ich habe dein Gesicht nicht gesehen;
es war dunkel.
Ich habe nur deine Stimme gehört.
Sie sagte ganz leise:
„Du darfst alles….“

Konnt’ ich ein Leben lang
mehr gewinnen
als dein großes Vertrauen,
dass ich nichts Falsches tun kann,
wenn ich bin, wie ich bin?

Weil ich dich liebe
und in dir alles,
was die Schöpfung bewegt und stillt.

– Christine Busta

Zu meinem Holz gehört noch eine Geschichte, die meinen Vater betrifft. Keine könnte das große Herz besser beschreiben: Als mir mein Vater seine Waldparzellen übergab, waren zwei seiner Herzstücke dabei. Mein Mann und ich hatten wenig Bezug zu Wald und als wir ihn dann in einer sehr schwierigen Situation verkaufen mussten, überlegte ich verzweifelt, wie ich ihm das wohl beibringen sollte. Endlich hatte ich die schweren Worte gefunden. Er saß im Garten, wird wohl schon gespürt haben, dass ich etwas auf dem Herzen habe. Und als ich ihm unsere Lage  schilderte, sagte er nur: „Wie gut, dass der Wald da ist.“ Kein Vorwurf, keine sicht- oder spürbare Enttäuschung. 

Da kann man Maß nehmen, an diesem Holz.

Herzlichst

Sissy

Foto © Canva

LINKS UND LITERATUR

Clarissa Pinkola Estés – die Wolfsfrau