Die roten Schuhe

Die Wissende, eine der drei Patroninnen meines Blogs, symbolisiert die Urinstinkte der Frau, die wir am besten in Form von Märchen erkennen. Und wieder einmal fällt mir dazu eine passende Geschichte von Clarissa Pinkola Estés ein.

Frauen und ihre Schuhe – dieses klassische Klischee habe ich nicht erfüllt. Ja, ich habe unzählige Schuhe verschlissen von den praktischen, bequemen, gesunden, die den täglichen, stundenlangen Strapazen standhielten und den Füßen Komfort boten. Auch sie hatten manchmal die Tendenz, nicht stillstehen zu können.

Eine leise Sehnsucht nach einem Paar roter Schuhe habe ich lange mit mir herumgetragen und als ich mir den Wunsch erfüllte und sie zum ersten Mal zum Kirchgang anzog, war ich über die Reaktion von Frauen sehr überrascht. Einerseits empfand ich sie als Kompliment, andrerseits schwang etwas Undefinierbares, leicht Argwöhnisches mit.

Die roten Schuhe

(Clarissa Pinkola Estés)

„Es war einmal ein armes Waisenkind, das in Lumpen und barfuß durch die Welt ging, weil es noch nicht einmal Schuhe besaß. Da nähte es sich aus roten Fetzen ein paar Schuhe und war mächtig stolz darauf und fühlte sich sogar ein bisschen reich, obwohl die Schuhe nicht wirklich schön waren.

Eines Tages hielt eine goldene Kutsche neben dem Mädchen und eine alte Frau versprach dem Mädchen, es wie ihre eigene Tochter zu behandeln, wenn es mit ihr kommen würde. Gesagt, getan! Im Haus der reichen alten Dame wurde das Mädchen gewaschen und gekämmt und von Kopf bis Fuß neu eingekleidet. Als es nach seinen heiß geliebten roten Schuhen fragte, erklärte die Frau, es wäre alles so schmutzig und lächerlich gewesen, sie habe alles im Kamin verbrannt. Jetzt wär’ nur noch ein Häufchen Asche übrig.

Das Mädchen war sehr traurig. Es musste sich in den strengen Haushalt einfügen, stillsitzen, folgen, gemessen spazieren gehen, ohne zu hüpfen und nur dann sprechen, wenn es gefragt wurde. Trotz allen Reichtums vermisste es seine roten Schuhe von Tag zu Tag mehr. 

Für Ihre Konfirmation sollten neue Schuhe gekauft werden. Das Herz des Mädchens hüpfte vor Freude, als es im Regal ein feuerrotes Paar entdeckte. Viel zu rot für die Kirche, aber die farbenblinde Alte konnte es nicht erkennen und der Schuster verriet das Mädchen nicht. 

Die Orgel spielte, der Kirchenchor sang, der Priester predigte, aber die ganze Gemeinde starrte nur auf die feurig leuchtenden Schuhe. Selbst die Heiligenbilder an den Wänden schienen nur auf das Schuhwerk des Kindes zu starren. Dem Mädchen gefielen sie deshalb nur noch besser.

Die Empörung der Alten war enorm, als sie von dem Skandal erfuhr und sie verbot dem Mädchen, sie wieder anzuziehen. Doch die Versuchung war zu groß. Am nächsten Sonntag konnte sie nicht widerstehen und zog sie wieder an. 

Da stand ein Soldat am Eingang und bat um Erlaubnis, den Staub von den Sohlen des Schuhs abklopfen zu dürfen. Erst den rechten, dann den linken, sodass es ihre Füße mächtig kitzelte. 

„Behalte sie an, bis der Tanz beginnt“, raunte er und zwinkerte dem Mädchen lustig zu.

Wieder zogen die roten Schuhe die Entrüstung der ganze Gemeinde auf sich, aber das Mädchen war so verliebt in das Granatapfelrot, dass sie es kaum bemerkte, kaum etwas von der Predigt hörte und nur bewundernd auf ihr Schuhwerk blickte und ihre Füße unter der Kirchenbank mal hierhin, mal dorthin drehte.

Beim Verlassen der Kirche rief der Soldat ihr nach: „Was hast Du nur für hübsche Schuhe!“

Bei diesen Worten drehte das Mädchen unversehens eine kleine Pirouette, und danach konnten ihre Füße nicht mehr aufhören, sich um- und umzudrehen. Der Kutscher der alten Dame sprang von seinem Sitz und rannte ihr nach, zerrte sie in die Kutsche und gemeinsam mit der Frau rissen sie dem wild strampelnden Kind die Schuhe von den Füßen.

Daheim angekommen versteckte die Frau die Schuhe in der hintersten Ecke und verbot dem Mädchen, sie wieder anzuziehen. Aber es  konnte der Versuchung nicht widerstehen und sobald es sie an den Füßen hatte, ging der wilde Tanz, den sie nicht mehr kontrollieren konnte, wieder los. Und so tanzte die Arme durch Wald und Flur, über Berg und Tal, durch Regen, Schnee und Sonnenschein. Sie tanzte morgens und nachts und kannte keine Ruhepause. Das Mädchen flehte um Erbarmen, aber in den Schuhen schien ein Fluch zu stecken und ihre Worte verflogen im Wind.

Schließlich kam sie, am Rande des Waldes, am Haus des Scharfrichters vorbei und flehte ihn an:“ Schneid’ mit bitte meine Schuhe ab“. Doch selbst als er die Riemen durchschnitten hatte, blieben diese an den Füßen. „Dann hack’ mir die Füße ab, damit die Qual ein Ende hat.“ Und der Scharfrichter tat, wie ihm geboten.

Das Mädchen war nun heimatlos und hatte keine Füße mehr. Es musste sich als Dienstmagd einen Armenbrot verdienen, aber es sehnte sich niemals mehr nach roten Schuhen.“

Der schmerzhafte Weg von Frauen durch die Geschichte

Das ist die Kurzversion des gruseligen Märchens. Die dazugehörenden Ausführungen der Autorin sind voll von schmerzlichen Erkenntnissen, Irrwegen und Qualen, die den Weg von Frauen durch die Geschichte herauf markieren.

Die grausamen Schilderungen in Märchen, die schockierende Bilder in unserem Kopf erzeugen,  sind typisch für Erzählungen, in denen es um eine geistige Wandlung geht, die voraussetzt, dass eine tief schürfende Erkenntnis erlangt wird. Im Gegensatz zu den schockierenden Bildern, die uns täglich via TV erreichen und gegen die wir uns bereits durch eine emotionalen Mauer schützen, können Märchen tiefe Ebenen unsere Seele, unserer Urinstinkte anrühren. Wenn wir uns damit beschäftigen wollen. Für heute will ich aus den roten Schuhen einige Aspekte herausgreifen.

Clarissa Pinkola Estés schreibt: „Das Märchen beschreibt den schmerzlichen Verlust der handgemachten roten Schuhe als den Verlust des nach eigenem Gutdünken zurechtgeschusterten Lebensstils. Durch einen allzu zahmen, gesitteten Lebenswandel geht uns mit der Zeit alle Vitalität und das instinktive Gespür für falsch und richtig verloren.“

Kinder müssen brav sein, Mädchen noch braver

Ja, brave Kinder, das war das Ziel der Erziehung. Ich erinnere mich noch genau, dass meine Oma meine damals 12 jährige Schwester ermahnte, sie möge doch nicht so verrückt von der Kirche heimlaufen. Und es ist mir noch gut in Erinnerung, dass wir ruhig sein mussten, wenn die Erwachsenen redeten. Länger als fünf Minuten. 

Nun bin ich überzeugt, dass ein gewisses Maß an Erziehung und Regeln notwendig ist, um in der Gesellschaft und im Arbeitsleben zu bestehen. Aber wir dürfen nicht zulassen, dass die „roten Fetzen unseres Lebens“ von der Gesellschaft zu einem Häuflein Asche reduziert werden, indem man uns weismacht, dass wir nicht richtig fühlen, denken und handeln. Alles in mir wehrt sich dagegen, dass renommierte männliche Modeschöpfer diktieren, was frau tunlichst zu tragen hat, und uns mit ihrem Perfektionismus die Freude an etwas Selbstgemachtem, Erdachtem gedankenlos zertrampeln.

Das, was wir uns in unseren Träumen und Spielen zurechtgezimmert haben, das, woran wir festhalten möchten, das, wofür wir vielleicht auf diese Welt gekommen sind, das, was niemand macht, wenn wir es nicht machen, – all das müssen wir hüten wie einen Schatz. 

Und auf wunderbare Weise werden wir feststellen, dass die sogenannten roten Fetzen nie verlorengehen. Sie sind an unsere Urinstinkte gebunden und wir werden sie wiederfinden, wenn wir uns auf die Suche machen. Und wir werden empfinden, wie wir als Kinder empfunden haben. Denn eine Kinderseele, so meine Beobachtung, hat ein recht klares Bild von richtig und falsch. Wenn man sie nicht durch zu viel Führung von ihrem Entwicklungsweg abbringt, kann sie diesen Schatz heben.

Das, wofür wir vielleicht auf diese Welt gekommen sind, das, was niemand macht, wenn wir es nicht machen, – all das müssen wir hüten wie einen Schatz. 

– Sissy Sonnleitner

Die goldene Kutsche

Wäre nicht die goldene Kutsche mit der alten Frau gekommen, die massiv in das  Leben der Waisen eingegriffen hat, hätte sie ein zweites Paar Schuhe gemacht und ein drittes und jedes Paar wäre besser geworden. „So hätte sie ein Schönheitsbewusstsein entwickelt – ein Bewusstsein, das Freude und Hoffnung empfinden kann, kreativ ist und sich mit leidenschaftlicher Begeisterung in lebenslustigen Schuhen fortbewegt. Das Mädchen wäre auf dem besten Weg, ihrer Instinktnatur adäquaten Ausdruck zu verleihen“, schreibt die Autorin. 

Die goldene Kutsche symbolisiert die Versuchung, doch einen bequemeren Weg zu wählen. Auch wenn er vorerst höchst verlockend scheint, ist extreme Anpassung der Preis. Nichts von den „Lebensfetzen“ wird geduldet und so suchen die Urinstinkte einen Ausweg. Denn die wilde Frau, die Naturseele in uns, lässt sich nicht unterkriegen. Unsere Protagonistin findet einen Weg, zu ihren roten Schuhen zu kommen. 

„Die Farbe Rot“, schreibt Clarissa Pinkola Estés, „steht für Leben und Opferbereitschaft, die beiden gehen Hand in Hand. Will ich ein intensives, enthusiastisches Leben, muss ich gewisse Opfer bringen. Die größten Einsichten und bedeutendsten Visionen werden offenbart, wenn die oberflächliche Bequemlichkeit eine Zeit lang zurückgestellt und geopfert wird.

Probleme entstehen, wenn alles mögliche geopfert wird, ohne dass das Leben dadurch auch nur im geringsten gehaltvoller wird. Dann ist rot die Farbe des Blutverlusts, nicht des vollblütigen Lebendigseins“. 

Vermutlich kennst auch du das belastende Gefühl aus dem Hamsterrad.  Du trittst und trittst, funktionierst – irgendwie – und niemand würdigt deinen Einsatz. Das Märchen von den roten Schuhen beschreibt genau diese Situation, wie Pinkola Estés in ihrer Analyse zeigt: „Die Waise verliert ihr geliebtes, vitales Lebensrot, weil die alte Frau ihre selbst gemachten Schuhe im Kamin verbrennt. Dadurch wird der Heißhunger erzeugt, das zwanghafte Verlangen nach dem ähnlichen und doch ganz anderen Rot der schnelllebigen, rasch verbrauchten Erregung. Dieses Rot ist das Grellrot einer Triebhaftigkeit ohne Herz, in der das innere Feuer sinnlos verpufft und der Lebenstanz immer irrwitziger wird“.

Das Märchen von den roten Schuhen beinhaltet Themen für viele Blogartikel, sie werden uns noch öfter begleiten. Fürs nächste Mal plane ich, nach zwei komplexen Themen, die in die Tiefe gehen, etwas Duftigeres, Leichtes. Versprochen.

Das letzte Wort soll diesmal aber die wilde Frau haben.

Die Wilde Frau

Sie spricht zuerst in uns und aus uns heraus.
Ihre Sichtweise und ihre Werte sind die ersten,
die uns instinktive Führung geben und
die letzten, zu denen wir nach allen Irrwegen zurückfinden.
Sie beauftragt uns,
unseren Artgenoss*innen die frohe Botschaft zukommen zu lassen. 

Clarissa Pinkola Estés

Und Charles Simic ergänzt: „Wer nicht heulen kann, findet sein Rudel nicht“. 

Aus Anna Weningers wunderbaren Illustrationen habe ich den Chili – was sonst – gewählt. Chili macht dich glücklich: Er bringt Hitze und feuert die Stimmung an.

Wenn du mich wieder mit meinen roten Schuhen siehst, feiere mit mir meine Lebensfreude und vielleicht hast du auch ein Paar? Dann lass uns gemeinsam tanzen.

Herzlichst

Sissy

LITERATUR

Clarissa Pinkola Estés

– die Wolfsfrau