Die wilde Frau in dir

Du hast es wahrscheinlich schon bemerkt. Immer wieder komme ich auf drei Frauen zurück, die die drei Säulen meiner eigenen Geschichte symbolisieren. Die Liebende, die ich als Fackelträgerin des Lichts sehe. Die Wissende, die für die Urkraft der Frau steht, und die Sehende, die mir das Mysterium der Weiblichkeit eröffnet hat. 

Diesmal erzähle ich dir mehr über die Wissende. Beginnen will ich mit einer Autorin, die ihre Lebenserfahrung als Cantadora (span. Erzählerin) und Künstlerin mit den Wissenschaften verwebt. 

Clarissa Pinkola Estés ist eine amerikanische Dichterin, Psychoanalytikerin und Post-Trauma-Spezialistin. Als Kind lebte sie in einer kleinen mexikanisch stämmigen Gruppe, in der sie die Tradition mündlicher Erzählungen kennenlernte. Auch bei ihren aus Ungarn immigrierten Adoptiveltern spielten das Schreiben und Lesen eine untergeordnete Rolle. Aber diese Menschen waren weise, wie sie selbst sagt, und verstanden die Natur, Pflanzen, Tiere und sie beherrschten viele Kulturtechniken. „Sie konnten Schuhe machen und Lieder.“

Gefühle hinter langen Haarmähnen

In dem Buch „Die Wolfsfrau“, mit dem sie weltweit bekannt wurde, spielen Erzählungen und die ursprüngliche Natur des Menschen eine wesentliche Rolle. Die Wolfsfrau, schreibt Pinkola Estés, lebt in jeder von uns. Sie ist die Hüterin der weiblichen Urinstinkte, sie weiß intuitiv, was richtig und falsch ist. Daher ermutigt sie uns, dieser Stimme zu folgen. „Wir alle sind von einer Sehnsucht nach wilder Ursprünglichkeit erfüllt. Aber es gibt kaum ein kulturell akzeptiertes Mittel, das diese Art von Heißhunger stillt. Man hat uns Scham vor diesem Verlangen anerzogen, und so haben wir gelernt, unsere Gefühle hinter langen Haarmähnen zu verbergen. Aber ein Schatten der Wilden Frau verfolgt uns bei Tag und auch bei Nacht. Wo wir auch hingehen, ein Schatten trottet hinter uns her – und immer einer auf vier Beinen.“

In meinem Frausein bin ich jeder Kämpferin für die Emanzipation aus tiefstem Herzen dankbar. Als Mutter und Unternehmerin. Auch Johanna Dohnal bin ich in großer Dankbarkeit verbunden. Sie hat viel für die österreichische Frauenbewegung geleistet – oder besser – ausdauernd für die Sache der Frauen gekämpft und wurde vor Kurzem, zehn Jahre nach ihrem Tod, dafür geehrt. 

Die Frauenbewegung hat uns viele unserer „oberen Oktaven“ erschlossen. Die Schranken in unserem Kopf und viele Rollenzuschreibungen – „was frau zu machen, denken, tun hat“ – sind weitgehend beseitigt. 

Mit Ausnahme der Aufgaben in den oberen Etagen der Kirchenhierarchie gibt es heute immer weniger gehobene Positionen, die wir Frauen nicht anstreben und erreichen können – auch wenn Frauen auf dem Weg dorthin oft noch immer mehr abverlangt wird als dem männlichen Mitbewerb. 

Eine Frage der Würde

In der kulinarischen Aufbruchszeit Österreichs der 70iger und 80iger Jahre hatte ich als Köchin das Privileg, im eigenen Betrieb keinem Machtkampf ausgesetzt gewesen zu sein. Wir Frauen – Liesl Wagner Bacher, Johanna Maier und andere – waren die Paradiesvögel in dieser Top-Liga und wurden von der Presse und auch von den Gästen entsprechend hofiert. 

Und dennoch habe ich ganz jungen Jahren als Mitglied der Brigade eines Großhotels auch sehr negative Erfahrungen gemacht, die bis heute tief in meinem Schmerzkörper eingegraben sind. Die Wunden sind verheilt, aber die Narben bleiben und die Erkenntnisse daraus waren prägend. Zwei Seiten ein und derselben Medaille.

Ich wurde verletzt. Wie jede und jeder von uns. Von Männern und Frauen. 

Und dennoch bemühte ich mich Männern wie Frauen auf Augen- und Herzenshöhe zu begegnen und meinen Teil zur Gleichberechtigung beizutragen. Aber mit den Jahren kamen mir Zweifel, ob es im Kern wirklich die Gleichberechtigung ist, um die es mir geht. Sie ist wichtig, das war mir klar, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, da fehlte noch etwas. Bei der Antwort war mir Bischof Egon Kapellari behilflich, der einmal sagte: „Männer und Frauen brauchen nicht Funktionsgleichheit, sie brauchen Würdegleichheit.“

Es geht um Würde.
Und jede Frau
muss ihre Würde
für sich festlegen.

– Sissy Sonnleitner

In meine Kraft kommen

So wurde mir klar: Es geht um Würde. Und jede Frau muss ihre Würde für sich festlegen. Auf der Suche nach meiner Würde muss ich aufhören, mich an Männern und anderen, vermeintlich besseren Frauen zu messen. Es geht nicht um Gegner, nicht um Kampf, sondern um meine weibliche Kraft. Ich muss in meine ganz individuelle, weibliche Kraft kommen. 

Aber wie sollte mir das gelingen? Auf der Suche begegnete ich der „Wolfsfrau“. Aber oft, wenn ich in dem Buch las, beschlich mich immer wieder ein diffuses Gefühl, fast etwas angstmachendes. Und ich versuchte dieses Gefühl auszuleuchten. Also setzte ich meine Stirnlampe auf und las weiter.

„Die Wilde Frau ist ein Archetyp der menschlichen Psyche – vereinfacht gesagt: symbolische und/oder mythologische Grundstrukturen der Frau. Instinktnatur, Naturseele, das andere Ich, meine große Freundin sind andere Bezeichnungen der unterschiedlichen psychologischen Schulen. Da sie unterschwellig agiert, vorausahnend und vom Bauch her intelligent ist, wird sie von den cantadoras, den Geschichtenerzählern der Welt als die große Weise, die Wissende, die Urfrau genannt. Und immer ist sie lebensspendende Schöpferin und hexenhafte Zerstörerin in Einem. 

Die Beschäftigung mit der Wilden Frau ist weder esoterischer Humbug, noch eine Religion, sondern eine psychologische Praxis, wörtlich: das Wissen um die Seele. Ohne diese Praxis haben Frauen keinen Zugang zu ihren inneren Sinnesorganen; das Pochen der eigenen Innen-Rhytmen wird nicht vernommen; sie dämmern in halbbewusster Resigniertheit dahin oder flüchten sich in versponnene Wunschträume.

Dieser Text eröffnete mir neue Perspektiven auf mein Denken, Fühlen und Handeln. Denn auf mein eigenes Leben übertragen bedeutete dies: Ich hielt fest, wenn Loslassen angesagt wäre. Ich „gönnte“ mir zu viel – vom Süßen – und zu wenig – von der Fürsorge für mich. Ich verlor das Gespür fürs rechte Maß. 

Die Wilde Frau – ich möchte gerne bei dieser Bezeichnung bleiben – kennt das Maß aller Dinge. Sie ist das Herz der Psyche und reguliert das Seelenleben auf eine sehr ähnliche Weise wie das organische Herz den physischen Körper. Am besten verstehen wir ihre Sprache in Märchen und Geschichten, die viele Jahrhunderte überdauerten.

Der Mangel

Der Mangel zeigt sich meiner Beobachtung nach in vielen Lebensbereichen:

  • Wenn das rechte Maß verloren geht. Wie es sich anfühlt, wenn die Balance nicht mehr stimmt, weiß jede von uns, die in der Berufswelt von schneller, höher, steiler angekommen ist. 
  • Wenn wir das immens heilsame Liebesgefühl, das nur das Selbst für das Selbst empfinden kann, einem Liebhaber mit großem Aufwand und erotischem Einsatz entlocken wollen.
  • Wenn wir unsere Unkenntnis über unsere wahre Wesensnatur hinter einer Staubwolke von Hyperaktivität verbergen

Es scheint mir kein Zufall, dass Covid 19 eine Lungenkrankheit ist – wir sind kurzatmig geworden

Der Schatz

Auch wenn das Umdenken Kraft kostet, Clarissa Pinkola Estés ermutigt uns, „das Instinktwissen der Wilden Alten zu finden, ihren tiefen, frohen Gesang zu hören und ihr herzliches Lachen.“ Das weibliche Urwissen, so die Autorin, warte im Untergrund darauf, von der modernen Frau wiederentdeckt und genutzt zu werden. 

Und das kann jeder von uns gelingen: „Um Zugang zu dieser Stärke zu finden, muss man weder einen besonderen Bildungsgrad besitzen noch einer bestimmten gesellschaftlichen oder finanziell wohl situierten Schicht angehören. Genau genommen ist eine aufgepfropfte Korrektheit jedweder Art ein Hindernis, wenn es um die Freilegung der Wildnatur geht.“ 

Worum es hier geht: Ohne uns stirbt die Wilde Frau, und ohne sie verkümmern wir mehr und mehr. Para vida – fürs Leben! Um das Leben voll auszukosten, brauchen wir uns gegenseitig!

sich einlassen
sich einlassen aufs Leben
heißt auch:
das Leben einlassen in mich
ich werde lebendig
entfalte mich
Hindernisse werden beweglich
Erstarrtes beginnt zu fließen
Staunen breitet sich aus
Unmögliches wird möglich
Gedanken, Träume werden wahr
Ich lass mich ein aufs Leben
mit Dir

Heidrun Bauer SDS

So grüße ich dich diesmal mit einem aufmunternden „Vamos! – Komm schon!“ 

Herzlichst

Sissy

LITERATUR

Clarissa Pinkola Estés
– Die Wolfsfrau. Die Kraft der weiblichen Urinstinkte