Der heilige Zorn

Wut zählte in meinem Sprachgebrauch zu den Fremdwörtern und kam in meiner Gefühlsskala gar nicht vor. Dachte ich. Ich kramte in meinen Erinnerungen, setzte mich mit weiblichen Mustern auseinander – und fand Wege, um die Wut ins Leben zu integrieren.  

War ich wirklich nie wütend gewesen? Ich kramte in meinen Erinnerungen und schließlich tauchte da eine Episode aus meiner Kindheit auf. Doch. Einmal war ich richtig wütend. Sogar so wütend, dass ich meiner Schwester einen Gegenstand an den Kopf warf und sie verletzte. Meine Mutter war aufgebracht und malte mir in düstersten Farben aus, was alles hätte passieren können. Ein Beispiel dafür, schimpfte sie, was Wut anrichten könne. Mit jedem Wort wuchs wohl mein Angst – vor meinem Verhalten und den Konsequenzen meines Tuns. Ein „schlechtes Gefühl“, das ich künftig vermeiden wollte. Und so lernte ich, meine Wut zu unterdrücken. 

„Was lange währt, wird endlich gut,
was lange gärt, wird endlich Wut.“

Allmählich erkannte ich, dass es auch in meinem Leben oft genug Anlass gegeben hatte, wütend zu werden. Aber ich hatte mich offensichtlich daran gewöhnt, die Wut in zwei Kanäle umzulenken. In die Trauer, also in mich hinein, oder in die moralische Überlegenheit. Diese Haltung half zwar mir selbst, die Situation einigermaßen zu meistern, aber meinen jeweiligen „Gegner“ machte sie noch wütender. 

Den Drachen reiten

Veit Lindau hat sich eingehend mit Wut beschäftigt. Generell, meint er,  sei „Aggression eine Urkraft, ein Urprinzip, Dinge voranzubringen, in Situationen einzudringen, die eigene Position zu verteidigen oder zu verbessern. ,Ich setz’ mich mit Dir auseinander, und zwar hautnah.‘“

Wut sei eine noch größere Dynamik. Er vergleicht sie mit einem Drachen, „den wir in unser Leben integrieren müssen. Wir müssen lernen, ihn zu reiten, denn er birgt Lebenskraft. Wut ist gut, sie ist eine antrainierte Funktion, um uns zu schützen und erst wenn wir lernen, sie zu integrieren, können wir mit ihr arbeiten.“

Frauen meiner Generation hat man die Wut weitgehend abtrainiert, nicht erlaubt. Eine wütende Frau, hieß es, wirke hysterisch, mache sich lächerlich und würde weniger gehört. Man denke nur an wütend gestikulierende Politikerinnen im Parlament, die sich mit diesem Verhalten durchwegs negative Kritiken holen. 

Julia Onken nimmt den Ball auf und fragt – wie immer – sehr direkt nach: „Wie aber reagieren nun Frauen darauf in einer Gesellschaft, in der die Umsetzung des Urprinzips Aggression ausschließlich Männern, aber keineswegs ihnen zusteht?

Und sie liefert auch gleich eine Analyse: „Da es sich bei der Aggression um ein Urprinzip handelt, löst sich die Energie nicht einfach in Luft auf. Da, wo beim Mann die blockierte, vorwärts drängende Energie der Aggression in destruktive Kanäle fließt und durch Gewalt, Kriminalität, Krieg und Zerstörung abgeleitet wird, verstummt die Frau. 

Was sind nun die Kanäle, durch die die weibliche Aggression entladen wird? Eine beliebte Möglichkeit ist die Opferrolle. Sich in eine Hilflosigkeit hinein zu spiralen und die eigene Handlungsunfähigkeit zu beklagen. Wer Frauen genau zuhört, wenn sie sich beispielsweise über ihren dominanten Partner beklagen, kann unter und zwischen den Worten das Säbelrasseln hören. Die eingekapselte Durchsetzungskraft verwandelt sich zu einer Selbst-Zersetzungs-Aktion, deren Ehrenrettung nur noch darin besteht, sich selbst zu bemitleiden oder wenigstens von anderen als Opfer bemitleidet zu werden. 

Die Flucht in die Opferrolle, löst aber bei den Umstehenden häufig nicht Mitleid aus, sondern eine Wut, die sich gegen das Opfer richtet. Die nicht gefühlte Wut des Opfers  springt quasi wie ein Virus auf den Nächsten über und bricht dort aus.

Meist wurde der Versuch, die eigenen Wünsche durchzusetzen, erst gar nicht unternommen, sondern die Unterordnung erfolgte bereits als vorweg eingeräumte Selbstverständlichkeit, als anerzogenes Verhaltensmodell – lieb Kind, lieb Frau – zu sein. Die vorwärts strebende Energie wurde bereits vorher gebremst, was natürlich Frustration auslöst und selbstverständlich eine unterschwellige Wut auslöst.“ 

In meiner frauenlastigen Familie bin ich vor Vulkanausbrüchen nie sicher und lange konnte ich sie mir die emotionalen Explosionen nicht erklären. Nun bin ich ihnen, so glaube ich, auf die Spur gekommen: (Meine) Kinder halten es ganz schlecht aus, wenn die Mutter sich aufopfert. Natürlich nehmen sie  Hilfeleistung an, aber es geht ihnen nicht gut, wenn die Mutter nicht das Gefühl vermittelt: Ich kann geben, weil ich an der Quelle sitze, weil ich gern tue, was ich tue. Weil auch ich, die ich für andere – etwa meine Kindern – sorge, vorab für mich sorge und ein gutes Leben für mich führe. Weil ich auf mich selbst und meine Zufriedenheit schaue

Scheinbare Überlegenheit

Ein anderes, mir sehr vertrautes Modell ist die Kultivierung der moralischen Überlegenheit. Also beispielsweise der Gedanke: Ich halte Erniedrigungen aus, ohne zu explodieren. Oder: Mit deinem aggressiven Verhalten schaffst du es nicht, mich zu erniedrigen. 

Diese Haltung mag als Überlebensstrategie geeignet scheinen und momentan zu innerer Stärke verhelfen. Dem jeweiligen Gegenüber hilft sie allerdings überhaupt nicht und möglicherweise enthält sie sogar Gift, das der Qualität der Beziehung schadet. Denn der unterdrückte Groll springt auf andere über und bewirkt nicht selten, dass der Kragen platzt.

Das wichtigste, wie mir scheint, ist aber die Beobachtung, dass die Lebenskraft, die unter der Wut liegt, nicht geweckt wird.  

In früheren Frauengenerationen hat dieses Modell vermutlich das Überleben ermöglicht. Zugleich dürfte es aber auch jene harte Frauen geschaffen haben, die den folgenden Generationen ein Frausein ohne Selbstliebe und konstruktive Kommunikation vorlebten.

Woran du erkennen kannst, dass der Wutkanal verstopft ist?

  • An plötzlichen, vulkanartig ausbrechenden Wutanfällen
  • Am frauenfeindliche Umgang von Frauen untereinander und Bemerkungen wie „Ich fühl’ mich unter Frauen gar nicht so wohl.“
  • An häufigen Klagen
  • Am Nörgeln, Meckern, Miesmachen
  • An großer Freude am Missgeschick anderer Frauen 
  • Am beharrliches Schweigen

Ich denke, bevor wir lernen, den Drachen zu reiten, müssen wir ihn erst einmal wachsen lassen und schauen, wo er uns in unsere Kraft bringt. Wo wir nach und nach einen „heiligen Zorn“ kultivieren können, der uns zu einer konstruktiven Aggression führt. 

Wie das aussehen kann? Der Tiefpunkt jeder Beziehung ist erreicht, wenn mir mein Gegenüber nicht einmal mehr eine Aggression wert ist, wenn ich mich nicht mehr mit ihm/ihr auseinandersetzen will, wenn ich nicht einmal mehr das bisschen Mut aufbringe, meine Position zu verteidigen, oder meinen Machtanspruch kundzutun. Du siehst, es geht wieder einmal um Mut.

Kraftsätze

Um dich zu ermutigen und dir in schwierigen Gesprächen den Rücken zu stärken, lege ich dir ein paar Kraftsätze ans Herz. 

  • Ich setze mich mit dir auseinander.
  • Ich dringe in dich ein.
  • Ich beanspruche meine Position und will sie dir erklären.
  • Ich will, dass du mir zuhörst.

Auch Julia Onken ermutigt in ihrem Buch „Feuerzeichen Frau“, zu uns selbst zu stehen. Sie schreibt: „Aggression heißt wörtlich auf etwas zuschreiten, angreifen, unerschrocken und zielstrebig. Ins Geistige übertragen: gedanklich in etwas eindringen, etwas durchdringen. In reiferem Alter, im Zugehen auf den Wechsel erhöht sich unser Testosteronspiegel und dieser befähigt uns, auf der körperlichen Ebene aus unserem vagen Dornröschenschlaf aufzuwachen, windige Verrenkungen zu überwinden, zu uns zu stehen, nicht mehr lieb Kind, lieb Weib zu sein und eine klare Kontur einzunehmen.“ 

Wie so oft stellt sich auch beim neuen Umgang mit unser Wut, die wesentliche Frage, die wir am Beginn jedes Veränderungsprozesses beantworten müssen: „Wer bin ich“? Und der erste Schritt – du ahnst es –  ist wieder einmal der Schritt zur Selbstliebe.

Mit Julia Onkens Appell schließe ich meine heutigen Überlegungen:

„Legen wir doch den altbekannten, vertrauten,
aber inzwischen doch viel zu eng gewordenen Mantel ab
und weben uns eine neues, buntes Kleid
aus unseren Phantasien und Sehnsüchten.“

Sieh ihn dir gut an, deinen Zorn, und nimm ihn an die lange Leine.

Herzlichst

Sissy

LINKS UND LITERATUR

Veit Lindau
www.homodea.com

Julia Onken
– Feuerzeichen Frau