Mahlzeit!

Wie geht essen? Das ist eine meiner Lebensfragen. Vom Verkosten und von der Essenszubereitung im Hauben- und Sternebereich bis zu lebensbedrohlichen Essstörungen.

Als Köchin überschaue ich mit 51 Berufsjahren die facettenreiche Entwicklung vom Toast Hawai über die französische Hochküche und die neue Regionalisierung bis hin zur fragwürdigen Molekularküche. Moden, Trends, Bedürfnisse der Gäste und eigene Wahrnehmungen haben viel Neues und Spannendes gebracht.

Dazu kommen Erfahrungen mit unzähligen Diäten, die meinen eigenen Lebens- und Leidensweg markierten. Und da ist noch die intensive Beschäftigung mit Essstörungen aller Art in unserer Familie.

Der buddhistische Weg zum gesunden Gewicht

Im Buch „achtsam essen, achtsam leben“ beschreiben der Meditationslehrer Thich Nhat Hanh und die Ernährungswissenschaftlerin Lilian Cheung einen ganzheitlichen Weg zum gesunden Gewicht. Ganz schnell machen sie klar, warum kurzfristige Diäten relativ sinnlos sind. Denn die Wurzel des griechischen Wortes weist schon hin, worauf es wirklich ankommt: díaita bedeutet so viel wie Lebensführung.

Neben der festen und flüssigen Nahrung kennen die buddhistischen Lehren noch drei weitere Arten der Nahrung,“ schreibt das Autorenteam.

  1. Sinneseindrücke: sehen, hören, schmecken, riechen, berühren, denken
  2. Wollen, Absichten: unsere innersten Motive, unsere tiefsten Wünsche
  3. Bewusstsein: die Gesamtheit aller Gedanken, Worte und Taten, die wir in unserem Leben getätigt haben, ebenso wie das Wissen, die Gewohnheiten, Begabungen und Wahrnehmungen unserer Vorfahren.

Daher sollten wir die vier heilsamen Arten der Nahrung täglich und achtsam zu uns nehmen. „Gesundes Essen und Trinken, positive Sinneseindrücke, Absichten und geistige Gebilde für unser Bewusstsein. Das wird uns und unseren Liebsten ganz konkret Nutzen bringen“, rät das Autorenduo.

„Koch selber!
Nimm dir die Freiheit,
zu wissen, was in deinem Essen steckt
.“

– Sissy Sonnleitner

Was du für dich tun kannst

Der Journalist Michael Pollan hat sich mit den Verwandlungsprozessen zwischen Natur und Kultur beschäftigt, die beim Kochen passieren. In seinem Buch „Kochen. Eine Naturgeschichte  der Transformation“ finden sich auch ganz praktische Tipps, wie gesundes Leben gelingen kann:

  • Iss Lebensmittel – vorwiegend pflanzlicher Natur, von guten Böden.
  • Meide Produkte, die
    • unaussprechliche Zutaten
    • unbekannte Zutaten
    • mehr als 5 Zutaten und
    • fructosereichen Maissirup enthalten.
  • Kauf, so oft es geht, bei Produzent*innen direkt ein.
  • Zahl mehr, iss weniger.
  • Iss wenig, was deine Großmutter nicht als Lebensmittel erkannt hätte.
  • Iss immer am Esstisch! NEIN, ein Schreibtisch ist kein Esstisch.

Dem will ich noch hinzufügen: Koch selber! Nimm dir die Freiheit, zu wissen, was in deinem Essen steckt.

Eine Welt am Tisch

Tanja Busse hat das Bild des globalen Mittagstisches in ihrem Buch „Die Ernährungsdiktatur“ skizziert: Stelle dir vor, die ganze Welt sitzt an einem Tisch. Auf unserer Seite biegt sich der übervolle Tisch, davor sitzen übergewichtige Menschen. Auf der anderen Seite haben ausgehungerte Menschen kaum etwas zu essen und jede Minute fällt einer tot unter den Tisch.

Gemeinsam mit der Musikhauptschule Kötschach habe ich ein Projekt zu diesem Thema gemacht. Anna Wastian, eine der Schülerinnen, hat die Situation in ihrem Bild eindrucksvoll gespiegelt, wie ich finde.

liebe schafft alles essen Anna Wastian

Bewusst genießen

Genießen ist etwas Schönes. Mit Dekadenz hat das nichts zu tun, wenn du bewusst genießt. Wenn du nachfragst und nachschaust, woher die Lebensmittel kommen, die du isst. Wenn du weißt, unter welchen Bedingungen sie hergestellt werden, welche Folgen die Produktion hat, ob die Produzent*innen von ihrer Arbeit leben können.

Wer seine Entscheidungen von all diesen Bedingungen abhängig macht, macht sich die Wahl nicht leicht. Ganz im Gegenteil. Das Handeln nach diesem Wissen trennt Essen von dem rein sinnlichen Genuss und führt hin zum göttlichen Aufbau von Körper, Geist und Seele. Das ist letztendlich das tiefe Geheimnis von Kochen.

„Die Köchin ist eine Magierin, die Glück verteilt“

– Sissy Sonnleitner

An dieser Stelle komme ich noch einmal auf den buddhistischen Weg zurück und will dir eine Geschichte weitergeben, die der Buddha seinen Mönchen erzählte.

Eine Gruselgeschichte

Ein junges Paar durchquerte mit seinem dreijährigen Sohn die Wüste, um in einem anderen Land Asyl zu suchen. Doch schon nach der halben Wegstrecke hatten sie nichts mehr zu essen. Beide erkannten, dass sie alle drei sterben würden, und keine Chance hatten, das Land jenseits der Wüste zu erreichen.

Nach langem, schwerem Ringen entschlossen sich sich, ihren Sohn zu töten und dessen Fleisch zu essen. Jeden Morgen aßen sie ein Stück davon. Gerade so viel, dass sie die Energie hatten, wieder ein Stück weiter zu kommen. Den Rest des Fleisches trugen sie auf ihren Schultern, damit es an der Sonne weiter trocknen konnte. Jedes Mal, wenn sie einen Bissen vom Fleisch ihres Sohnes gegessen hatten, fragten sie einander: “Wo ist wohl unser geliebter Sohn jetzt?“

Als der Buddha die tragische Geschichte beendet hatte, fragte er die Mönche: „Glaubt ihr, dieses Paar hat das Fleisch seines Sohnes leichten Herzens gegessen?“ „Nein, Weltverehrer“, erwiderten die Mönche. „Die beiden haben schrecklich darunter gelitten.“ Und der Buddha lehrte sie:“ Liebe Freunde, wir müssen so essen, dass wir in unserem Herzen Mitgefühl bewahren. Wir müssen in Achtsamkeit essen, sonst werden wir das Fleisch unserer eigenen Kinder essen.“

Um einen Tisch Sissy Sonnleitner

Um einen Tisch 

Mein erstes Kochbuch erschien in den 90er Jahren. „Um einen Tisch.“ Betitelte ich die Sammlung von ausgewählten Rezepten, die meine Leser*innen das ganze Jahr über begleiten sollten. Bei Festen, im Alltag und beim Fasten. Freunde und andere Persönlichkeiten, die mir viel bedeuten, haben Essays und Gedanken „Um den Tisch.“ beigesteuert. Einer von ihnen, Hans Peter Premur, Pfarrer von Krumpendorf, ein freigeistiger und visionärer Mensch, schrieb damals:

„Auch wenn wir beim schönsten und besten Essen sitzen, wird der vollendete Genuss sich erst einstellen, wenn zum Materiellen das Geistige dazukommt: der Dank, die Gemeinschaft, die Gelassenheit, die Verantwortung für die Welt.

Das passiert nicht von selbst. Aber wenn es geschieht, ereignet sich etwas Geheimnisvolles. Es ist so, als ob das Paradies sich für kurze Zeit bei uns niederlässt und unsere oft triste Welt eintaucht in ein großes Licht.

Während eines Mahles tat Jesus Christus seinen Freunden sein Geheimnis kund und seit damals zieht sich, wie ein roter Faden, dieses heilige Mahl durch die Geschichte der ganzen Welt. Damit diese Zeit des gemeinsamen Mahles gelingt und zum Guten gerät, ruft ein Mensch dem anderen vor dem Essen „Mahlzeit!“ zu. Mir ist das eine Wort heute als Segenswunsch wichtiger denn je – im Wissen um die Gefährdung unserer menschlichen Gemeinschaft durch den Zeitgeist.

Mahlzeit!

Sissy

LITERATUR

Tanja Busse
– Die Ernährungsdiktatur

Thich Nhat Hanh, Dr. Lilian Cheung
– achtsam essen, achtsam leben. Der buddhistische Weg zum gesunden Essen

Michael Pollan
– Kochen. Eine Naturgeschichte der Transformation

Sissy Sonnleitner
– Um einen Tisch. Feste, Alltag und Fasten. Ausgewählte Rezepte im Reigen der Jahreszeiten mit Essays und Gedanken.