Das Ende von mea culpa

Tabubrüche sind eine schwere Sache. Ich meine, für uns Frauen noch schwerer, sind wir doch mit unzähligen Tabus groß geworden. „Das macht man nicht, das gehört sich nicht, stell dich nicht so an, Frauen können und dürfen das nicht…….“

Ein- bis zweimal im Jahr ging ich gerne zur Beichte. In ruhigen Zeiten mich hinzusetzen und zu reflektieren und dann, und das war der schwierigste Teil der Aufgabe, es ins Wort zu bringen, sodass ich es einem Beichtvater verständlich machen konnte. Der Glaube an die Absolution, die dieser mir erteilte, war nie sehr groß, aber der Prozess davor war mir hilfreich. Zu sehen, wo ich rücksichts- und lieblos gehandelt habe und daraus meine Rückschlüsse und Vorsätze zu ziehen, war der sinnvolle Part daran.

Vor ca. 30 Jahren traf ich auf einen eher jungen Priester, der aus meiner kurzen Beichte eine leicht unangepasste Frau heraushörte und mich mit entsprechenden Fragen ermutigte, meine freie Sicht von Glauben darzulegen. Ich freute mich, auf einen Verbündeten zu stoßen, als mich die Bezichtigung des Ungehorsams wie eine Keule traf. Ich müsse meinen Glauben unter eine Religion stellen, eh klar, unter die r.k. Kirche, dahingehend ist mein Gewissen auszurichten.

Ein Teil von mir war mit diesem Marschbefehl recht zufrieden, ist ja auch manchmal einfach, Fragen nicht selbst durchdenken zu müssen, sondern einfach vorgefertigte Meinungen zu akzeptieren. Darin hatte frau ja auch eine gewisse Übung. 

Der andere Teil war noch munterer geworden und ließ es sich nicht nehmen, den eigenen Interpretationen  zu vertrauen. So habe ich ein Tabu nach dem anderen gebrochen und festgestellt: auch ich bin geistgewirkt und meine Heilige Geistin ist ein glaubwürdige Ratgeberin

Das Schuldbekenntnis der Kirche

Im Confiteor – dem Schuldbekenntnis, bekennen wir in jeder Heiligen Messe, in Gedanken, Worten und Werken gesündigt zu haben und daher in der Schuld zu sein. Im dreifachen „mea culpa“ – meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld – klopfen wir uns dreimal aufs Herzzentrum, damit sie nur ja da bleibt, die Schuld.

Es war wieder einmal Veit Lindau, der mir als Agnostiker in vielen Situation einer der besten Interpreten einer christlichen Lebensweise ist. In seinem Podcast „Ende der Selbstbestrafung“ hat er mir die Augen geöffnet. www.youtube.com/watch?v=6IXF54S1TZ8

Schuld! Trägst Du auch so ein Konto mit Dir herum? Gerade im Familienbereich: was hätte ich nicht alles besser machen können, was habe ich verabsäumt, was hätte ich sehen müssen? Und bei Meinungsverschiedenheiten, Differenzen, Problemen öffnet sich dieses Konto wie von Zauberhand und alle Beichten des Lebens haben nicht ausgereicht, um das Konto zu löschen oder zumindest auf einen aktuellen Stand zu bringen.

Erlöse mich

von der Lieblosigkeit,

mich schuldig

zu fühlen.

– Sissy Sonnleitner

Das Ende der Selbstbestrafung

Veit Lindau beschreibt: diese Schuld hängt wie Blei an unseren Flügeln. Wir kasteien uns mit einem Ballast, der gar nicht uns gehört. Es ist eine Schuld, die viel zu groß ist für uns. Wir bewerten unser Handeln rückwärts mit dem Wissen von heute und übersehen, dass wir als Teil eines Systems, so handelten, wie wir es im System gelernt haben. So, wie unsere Eltern so handelten, wie es ihnen als Mitglied ihres Systems möglich war. Wir geben in jeder Lebenssituation die Antwort, die uns gerade möglich ist. So unzureichend sie uns im Nachhinein auch erscheinen mag. 

Ich weiß, dass noch mehr Liebe, Achtsamkeit, Verschenken, Toleranz in mir steckt. Diese Ahnung darf ich nicht rückwärts missbrauchen, um mich fertig zu machen, weil ich  es nicht besser konnte. Es ist eine ungeheure Arroganz, zu glauben, ich hätte zum jeweiligen Zeitpunkt besser handeln können. Ich hätte die alleinige Macht gehabt, der jeweiligen Situation souveräner zu begegnen. 

So begebe ich mich in die Hölle der Schuld, auf eine geistige Frequenz,  die mich lähmt, ich fühle mich klein, ich hasse mich dafür. Es ist Blei für mein Bewusstsein. Und sie führt mich in Beziehungen, ich denen mir dieser Minderwertigkeit gespiegelt wird.

Ich habe mein Bestes gegeben

Eine Erkenntnis ist wichtig: Ich habe bisher mein Bestes gegeben. Ich bin nicht stolz, auf das, was ich nicht gut gemacht, oder unterlassen habe, ich bedaure, wo ich Menschen verletzt habe, oder nicht gesehen habe und registriere, das kann ich besser. 

Es gibt den Teil in mir, der gottgleich ist, und dann gibt es das sogenannte Böse. Mir gefällt der Ausdruck „Schatten“ besser. Und um die Integration des Schattens, jener eigenen ungeliebten Anteile, die uns das Leben so vermiesen können, geht es im Leben.

Die Kirche betet: „Und erlöse und von dem Bösen“. An den Gott kann ich nicht mehr glauben, der mich, auf wundersame Weise, von dem Bösen erlöst. Ich meine eher, dass Gott das Staffelholz an uns übergeben hat, dass wir, anstelle von sich ständig anhäufenden Schuldkonten, Verantwortung für unser Leben und auch für unsere Schatten übernehmen.  Dass wir dafür Sorge tragen müssen, in jedem Augenblick des Lebens so gut, wie möglich zu antworten. Weise, liebevoll, gütig, clever, gestalterisch. Mit meinem Leben gebe ich Antwort, wissend, dass ich immer wieder versage, nie perfekt bin.

Die Hölle ist im Diesseits

Das Schuldbewusstsein gibt mir die Fähigkeit, mich selbst in die Hölle zu schicken. Ich zwinge mein Bewusstsein, immer wieder zu einem schmerzlichen Ereignis zurückzugehen, das ist die  Hölle. Wir zwingen uns, eine schmerzhafte Erfahrung, die nicht mehr zu korrigieren ist, wieder und wieder zu erfahren. Wie Sisyphus, dessen Stein immer wieder zurückrollt, sobald er ihn auf dem Berg oben hat. 

Hölle ist auch, wenn ich jemand anderen für schuldig erkläre. Z.B. meine Eltern hätten mehr bringen müssen, dann erkläre ich sie für schuldig. Ich bestrafe damit nur einen Menschen: mich selbst. Wenn ich anderen grolle, Vorwürfe mache, schicke ich einen Menschen in die Hölle – mich. 

Absolution kann ich mir selbst erteilen, indem ich eine Schuld zurückgebe, die nicht mir gehört, die zu groß ist für mich. Aber auch Menschen, denen ich eingestehen kann, dass ich sie mit meinem Verhalten verletzt habe und Menschen, die ich aus meinem Schuldspruch entlassen kann. Da fällt Ballast ab, da werden die Flügel leicht, da ist der Blick nach vorne gerichtet. 

Absolution als Werkzeug der Kirche, passt für mich nicht mehr. Keine Institution kann mir Absolution erteilen. Die Kirche tut gut daran, um die eigene Absolution zu ringen. Wir selbst erteilen uns Absolution und öffnen uns für den Hlg. Geist.

Meine Kirche – ein Ort der Dankbarkeit und der Demut

Religion lebt, wenn wir sie weiterentwickeln. Wenn ich mir die Freiheit meines Geistes erlaube, ist Kirche ein Weg zur Gottbegegnung. Ich liebe die Rituale, die Feste, die meinem Jahreskreis Struktur geben, der Sonntagsgottesdienst, der meine Woche segnet. Mit meinem Ehrenamt diene ich meiner Pfarre und der christlichen Gemeinschaft. 

Das mea culpa hat für mich ausgedient. Ich habe es durch das Gebet der Dankbarkeit und Demut ersetzt. 

Ich bekenne Gott, dem Allmächtigen,
und allen Brüdern und Schwestern,
dass ich in Demut und Dankbarkeit hier stehe.

Vieles ist mir in dieser Woche gelungen,
Manches kann ich  verbessern:

durch seine Gnade
durch seinen Geist
durch das Wunder seiner Schöpfung

Darum bitte ich die selige Jungfrau Maria,
alle Engel und Heiligen
und euch, Brüder und Schwestern,
beten wir füreinander zum großen Gott.

Sissy Sonnleitner

Kann es sein, dass gerade für uns Mütter das Ende von mea culpa eminent wichtig ist? Dass wir dann die Beziehung zu unseren Kindern auf eine andere Ebene heben?

Schreib mir gerne deine Gedanken dazu.

Herzlichst

Sissy

4 Kommentare

  • Luise M. Sommer sagt:

    Schon wieder so ein Beitrag, liebe Sissy, der mich bereichert zurück lässt.
    Ja, es ist so: „Wir geben in jeder Lebenssituation die Antwort, die uns gerade möglich ist.“ Und deshalb ist es unendlich wichtig, dass wir uns selbst VER-GEBEN, wenn wir im Nachhinein, mit dem Wissen von heute, feststellen, dass wir Fehler gemacht haben.
    Wenn wir auch Menschen vergeben können, die uns verletzt haben, dann kehrt wahre Leichtigkeit und eine große Freiheit in unser Leben ein.
    Mit einem herzlichen Danke für Deine so wertvollen Gedankenanstöße und lieben Grüßen,
    Luise

    • Sissy Sonnleitner sagt:

      Liebe Luise!
      Ja, wie alt ich werden musste, um die Erkenntnis zu gewinnen und damit eine
      Last abzuwerfen, die ja gar nicht meine ist. Und dann ist man plötzlich auch ge-
      zwungen, jenen zu vergeben, die man für schuldig befand. Ein spannender und
      befreiender Prozess. Danke, dass Du mit mir auf dem Weg bist. Alles Liebe
      Sissy

  • David Röthle sagt:

    liebe Sissy, vielen Dank für diesen tollen Beitrag! Du hast mir damit den Blick auf die Kirche erweitert. Interessant auch deine Einschätzung zur: Vergebung. Damit sprichst du mir aus dem Herzen, vielen Dank auch dafür. Ich bin übrigens Über Luise Sommer auf deinem Blog aufmerksam geworden, von der ich dir auch herzlich grüßen soll. Ich werde auch weiter deine Beiträge verfolgen und freue mich schon auf weitere schöne und interessante Gedanken Von dir! 😁 Viele liebe Grüße, David

    • Sissy Sonnleitner sagt:

      Lieber David!

      Danke für deinen Kommentar. Ja, das Ende von mea culpa hat in meinem Leben einen
      schweren Stein von meinem Herzen gewälzt – schön, dass das Thema dich auch ange-
      sprochen hat. Die liebe Luise!! Grüß sie herzlich von mir!

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