Marienkraft – die göttliche weibliche Urkraft

15. August: „Aufnahmen Mariens in den Himmel“, oder im Volksmund „Maria Himmelfahrt“, der große Frauentag in der kath. Kirche, markiert für uns Trachtenfrauen den sogenannten Frauendreißiger: die dreißig Tage, an denen ein besonderer Segen auf der Natur liegt. 

Wir binden wunderbare Kräuterkränze und -buschen, die dann in der Kirche geweiht werden. Sie sollen gut sein für Eheglück und gute Ernte, gegen Krankheiten und Gewitter und zum Räuchern um die Weihnachtszeit wurde auch immer etwas davon abgenommen. Gerne auch mit 1-2 Palmwutzel vom Palmbesen. Ich mag sie, diese alten Rituale, anhand derer man sich durchs Jahr hantelt.

Zur Marienkraft, die mich heute fasziniert, hat dieses Ritual den Grundstein gelegt.

In den „Gedanken zum großen Frauentag“, so in der Mitte meines Blogs, habe ich meinen Weg zu Maria, der sich über Jahrzehnte hingezogen hat, schon skizziert. Heute will ich mein Bild von der großen, starken Frau erweitern und die gewagte Frage stellen: wenn wir aus der gelernten, religiösen Marienkraft die große weibliche Urkraft machen, wie fühlt sich das an?

Gedanken einer modernen Theologin

Dipl.Theol. Viola Weiß (Dekanatsassistentin und Mitarbeiterin in der Krankenhausseelsorge) hat mir ihre Gedanken zu diesem Fest geschrieben:

„Obwohl es in der Bibel keinen direkten Hinweis auf die Himmelfahrt Marias gibt, ist es das älteste Marienfest- es wird schon seit dem 5. Jahrhundert gefeiert.

Natürlich hat die Erklärung der „leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel“ von Papst Pius XII für viele exegetische Diskurse gesorgt, aber ich denke, dass wir heute viel tiefer begreifen, wie sehr Körper, Geist und Seele des Menschen eine Einheit bilden, die von unserem Verstand immer wieder angezweifelt wird.

Gerade in der Betonung der Leiblichkeit Mariens sehe ich heute -besonders für Frauen – eine große Chance, ihren Körper neu als Geschenk Gottes zu betrachten. 

Auch der wunderschöne Brauch an diesem Tag Blumen und Heilkräuter zu segnen, die Körper, Seele und Geist heilen können, zeigt an, in welche Richtung eine noch weitreichendere Interpretation dieses Festes gehen wird.

Außerdem erlebe ich im Krankenhaus immer wieder, dass es diese Trennung zwischen Himmel und Erde so nicht gibt – nur oft in unseren Köpfen. Es ist alles eine Einheit, die in manchen Augenblicken spürbar wird“. 

In einer Bibelrunde erwähnte Viola Weiß einmal, wir sollten die Bibel weiterschreiben. Vor ihr wünsche ich mir das wirklich.

Ich hole sie ins Heute, meine Muttergottes

Um meine Maria aus dem braven, reinen, demütigen Dunstkreis zu befreien, habe ich Facetten ihrer Persönlichkeit zusammengetragen, die dann für mich eine Wegbegleiterin gemacht haben, zu der ich beten kann.

Wenn wir mit der Verkündigung beginnen:

♕ – selbstbewusst, stark, voll Vertrauen spricht sie: Dein Wille geschehe und sagt ja zu einem Lebensplan, der so gar nicht gedacht war
♕ – danach verließ sie der Engel – meine Lieblingsstelle. Wenn du weißt, wofür Du Dich  entschlossen hast, bleib dabei und stell dich nicht dauernd in Frage
♕ – die Zumutung für sich selbst und für Josef
♕ – drei Monate bei blieb sie bei Elisabeth – sie weiß und tut, was sie jetzt braucht
♕ – die Oktaven, die Bandbreite, das Potential des Frauseins im Magnifikat: „Auf die  Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut, siehe von nun an preisen mich alle Geschlechter“…….Von der Magd zur Königin, das sind die Oktaven jeder Frau
♕ – Mut und Freude, da alles gottgegeben ist, kann sie sich uneingeschränkt und kindlich  daran erfreuen
♕ – Selbst die Jungfräulichkeit kann als Ausdruck der Stärke und Emanzipation verstanden  werden – als ein Akt der Selbstbestimmung, die Befreiung zu einer Frau, die sich nicht als Sexualobjekt vom Mann her definiert
♕ – Marias „FiatGott ganz“ ist nicht nur Demut, sondern Selbständigkeit, Kraft,  Selbstbewusstsein und weibliche Urkraft.

„Wenn ich die Weite meiner Persönlichkeit als Jesus, als Gott in mir annehmen kann, kann ich mich vorbehaltlos und in rechter Weise und Demut, dem Mut, zu dienen, daran erfreuen.“

– Sissy Sonnleitner

Was heißt das für mich

Für mich heißt das: Wenn ich die Weite meiner Persönlichkeit als Gott in mir annehmen kann, kann ich mich vorbehaltlos und in rechter Weise und Demut, dem Mut zu dienen, daran erfreuen. Ich lebe ohne Arroganz meine Identität. Oder wie Peter Altenberg sagt:“ Sei, die Du bist, nicht mehr, nicht weniger, aber die sei“.

Marienkult

Ich lasse jedem Menschen seine Frömmigkeit. In der  Marienverehrung hält sich ein Kult, mit dem ich mir schwer tue. 

So schreibt auch die Theologin Agathe Lukassek: “ Ich will nicht die Bedeutung Marias in Frage stellen, sie ist diejenige, die „Ja“ sagte zum Plan Gottes und uns mit Jesus Christus den Erlöser auf die Welt gebracht hat, ihn erzog und unter dem Kreuz stand als er getötet wurde.

Ich verstehe, dass Maria eine wichtige weibliche Komponente in unseren Glauben bringt, der leider immer noch viel zu oft den dreifaltigen Gott rein männlich darstellt. Sie wirkt oft menschlicher und zugänglicher als etwa der ferne, strafende und zornige Gottvater, der bis vor wenigen Jahrzehnten noch gepredigt wurde. Aber muss die Sehnsucht nach der weiblichen Komponente im Christentum unbedingt in die Richtung einer blumenumkränzten, rosawangigen jungen Frau mit gesenktem Kopf gehen? Und warum ist die Verehrung dieser großen Heiligen zumeist unbiblisch und bezieht sich auf irgendwelche Legenden und Erscheinungen?

Maria erfüllt noch weitaus andere Frauenbilder, wie bereits die wenigen Bibelstellen über sie zeigen: Sie ist die reisende Schwangere, die ihre Verwandte besucht, Flüchtling in Ägypten, sie ist die Mutter, die von ihrem Sohn immer wieder vor den Kopf gestoßen wird. Sie ist die Frau, die ihr Kind sterben sieht und eine Witwe, die mit Jesu Freunden auf die Sendung des Heiligen Geistes wartet. Das kitschige Bild einer entrückten Jungfrau wird dem nicht gerecht, was Maria geleistet und auch erlitten hat“.

Ich denke auch, das Marienbild bedarf dringend einer Reformation.

Martin Luther und Maria

Martin Luther war Marienverehrer, aber sie durfte ihm nie den Blick auf Jesus Christus verstellen, wie sie es, seiner Ansicht nach, in der katholischen Kirche tat. 

Der nahezu ekstatische, glühende Marienkult, den beispielsweise Pius IX durch das Dogma der unbefleckten Empfängnis im 19. Jahrhundert proklamierte, diente als klare Abgrenzung zum Protestantismus und förderte die innere Verbundenheit, die Ehrfurcht und Hingabe zu Maria, aus der eine fanatische Verehrung und Frömmelei entstand. 

Ein Grund für diese nahezu krankhafte Marienbindung liegt im Zölibat. Da das Weibliche grundsätzlich abzulehnen ist und Sexualität dämonisiert wurde, war Maria sozusagen das Ventil, auch als Kirchenmann zu einer Ganzheit zu kommen. 

Eine Anekdote dazu von Theresia Heimerl, Theologin in Graz: Ein Mönch teilt seinem Beichtvater mit, dass er nun genug habe, von seinen sexuellen Phantasien und er sich entscheide, diese störende Wirklichkeit endgültig auf Eis zu legen. „Wie schön, da bleibt ihr Lebensthema frisch“, antwortet des lebensweise Mann.

Freiheit für Maria

So habe auch ich Maria aus ihrem Gefängnis befreit. Sie ist mir im Laufe des Weges  zur welt-umspannenden weiblichen Urkraft geworden. Jener Kraft, die die Welt so dringend braucht. Sie ist die Mutter von EROS, jener archaischen, weiblichen Urkraft, die als Gegenspielerin des männlichen LOGOS in den letzten Jahrtausenden zu kurz gekommen ist. 

Sie ist mir himmlische Mutter, Wegbegleiter und Mitstreiterin auf Augenhöhe geworden mit der ich mich gemeinsam der weiblichen Urkraft widmen will. Da ist nichts von Süßlichkeit und Pathos, nur zu dieser starken, souveränen Mutter kann ich beten:

O Mutter, so komm, hilf beten mir,
o Mutter, so komm, hilf streiten mir!
O Mutter, so komm, hilf leiden mir,
o Mutter, so komm und bleib bei mir!

Maria, die Knotenlöserin, zählt zu meinen Lieblingsbildern. Die Knoten des Herzens, die Knoten im Kopf, wenn sich eine Sorge, ein Gedanken so manifestiert hat, dass man alleine nicht mehr zurecht kommt, dann ist’s gut, wenn man etwas auslagern kann. Die Knoten, die ich ihr zu Füßen lege, lösen wir gemeinsam.

Ich denke, es ist die Kombination aus göttlicher und menschlicher Kraft, die mich an der Marienkraft so fasziniert.

Maria als weibliche Urkraft des Lebens unterstützt mich in meinem Frausein, ist mir Ratgeberin und Mutter. Die Schönheit der Frau ist die Hingabe. An das Leben selbst, an die Oktaven meines Frauseins gebe ich mich hin. Leben nimm’ mich und lehre mich. Maria, geh’ mit mir. 

Herzlichst

Sissy