Eros in unserer Zeit

Es ist wohl eine der traurigsten Geschichten unserer Zeit, dass Eros, der griechische Gott der Liebe, einen so mickrigen Platz in einer mickrigen Sexualität bekommen hat. Nicht anders geht es dem Gott, an den ich glaube. Auch den möchte ich an anderer Stelle aus seinem Gefängnis befreien. 

Unserer Zeit ist wenig heilig. Vielleicht noch die Familie, die Freunde, manchen Mutter Erde, manchen aber auch nur das Auto und das eigene Ego.

Brauchen wir etwa mehr, was uns heilig ist? Mir ist Eros heilig, weil ich glaube, das er ein ganz wichtiger Teil der weiblichen Urkraft ist. Sein Gegenspieler ist das Patriarchat. 

Eros heute

Mit Dipl. Psych. Prof. Anna Schoch, http://www.annaschoch.de/wordpress/ machen wir einen  spannenden Blick auf diesen traurigen Platz, den Eros in unserer Zeit zugewiesen bekam und begeben uns in die griechische Mythologie.

„Die Götter der griechischen Mythologie sind eigentlich Personifikationen von Motiven bzw. Energien oder Kräften, die in uns wirken. Wir erkennen diese Kräfte besser, wenn sie uns als Personen oder Götter dargestellt werden. 

Dieses Prinzip nennt C. G. Jung  Archetypen. Jeder Gott steht für eine wichtige oder schicksalhaft erlebte Lebenssituation, mit der wir uns alle irgendwann einmal auseinandersetzen müssen. 

Eros, die Liebe, ist also einer der ersten und damit bedeutungsvollsten Götter Prometheus. In dieser mythischen Zeit verhandelten und verkehrten Menschen noch persönlich mit ihren, fallweise auch recht launischen Göttern. 

In der Komödie „Die Vögel“ von Aristophanes (414 v.Chr.) schlüpft Eros aus einem Ei, das die schwarzgeflügelte Nacht gelegt hat. Eros hat aber goldene Flügel und zeugt mit Chaos das Geschlecht der Vögel. Die goldenen Flügel verweisen auf die geistige Dimension der Liebe.

Liebe entfaltet ungeahnte Kräfte, beflügelt den Geist und regt zu Höchstleistungen an. Eros symbolisiert nicht nur die sinnliche Liebe, sondern auch die Liebe zum Geistigen. Er verlangt nicht nur Freiheit für die Liebe, sondern auch die Freiheit sich begeistern zu dürfen. Es sind die goldenen Flügel, die einen davontragen.

In der heutigen Zeit scheint die Allmacht der alten Götter gebrochen zu sein. Wir verlachen sie als Hilfsmittel, um unser Schicksal zu bebildern. Wir halten es für absurd, in Dialog mit den archaischen Götterbildern zu treten, dabei wäre das oft sehr hilfreich. Die Seele ist von Natur aus religiös. Die Abweichung von dieser Grundnatur ist nach C. G. Jung die Ursache vieler Neurosen, besonders im späteren Alter.“

„Mir ist Eros heilig,

weil ich glaube,

dass er ein ganz

wichtiger Teil

der weiblichen

Urkraft ist.“

– Sissy Sonnleitner

Löst das Bild der goldenen Flügel etwas bei dir aus?

Ich frage mich immer: Kann das eine Erklärung sein, dass besonders Frauen mit Altersdemenz zu kämpfen haben? Weil ihnen niemand gelernt hat, auf ihre Sehnsüchte zu hören? Weil sie ihrer Intuition nicht vertraut haben? Weil sie sich nicht ernst genommen haben? Weil sie den Zugang zu ihrer Seele nicht gefunden haben? Weil sie gar nicht gesehen haben, dass die Flügel, unter denen sie sich manchmal versteckt haben, golden sind?

Weiter schreibt Prof. Schoch: „Dieses Manko ist in unserer Zeit eklatant. Wir glauben, wir könnten alles nach vernünftigen Grundsätzen steuern, und dann stellen wir fest, dass sich vernünftige Menschen ruinieren, wenn sie z.B. Amors Pfeil getroffen hat und trotz besseren Wissens ihre gesamte Aufmerksamkeit (nicht selten zum Entsetzen der Angehörigen) auf eine völlig unpassende Person richten und alle Bindungen leugnen.

Wir stehen ratlos und leer da, seit der religiöse Rahmen zerbrochen ist. Desorientiert, ohne Werte, ohne gesellschaftlichen Konsens darüber, wie wir uns verhalten müssen, wie wir mit unserem Schicksal umgehen können. Wir haben den großen Gott Eros auf Sexualität (im Mythos seine Tochter Voluptas) reduziert. Wir sind zügelloser, aber nicht glücklicher geworden.

Wir haben „Erotikmessen“ die mit der göttlichen Macht des Eros ungefähr so viel zu tun haben, wie eine holländische Erdbeere, die auf einem mit Nährstoff getränkten Vlies produziert wurde, mit der aromatischen Waldfrucht. 

Als die Menschen noch mit sich und den Göttern in Harmonie lebten, entstanden die größten Kunstwerke der Menschheitsgeschichte. Wir sind bis heute noch nicht über die ägyptischen, hellenistischen oder gotischen Tempel- und Kirchenbauten hinausgekommen. Es hilft selbst die gewagteste moderne Architektur nicht, wenn der göttliche Funke fehlt. Sie kann nicht jenen religiösen Schauer in uns erzeugen, den wir beim Betreten einer alten Kathedrale empfinden. Um solche Bauwerke errichten zu können, brauchen wir die Liebe des geflügelten Eros, den Mut zu und die Demut vor einer weit höheren Macht.“

Manchmal muss ich vor Dich treten
Gott, der hochgewölbten Kirchen,
um zu beten.

Meine Seele singt dann leise
mit den Säulen und Altären
deine Weise,

und aus Händen, die sich neigen,
hebt sich Deine große Wahrheit
in das Schweigen.

Nanine

Wir brauchen das Heilig

So geht es vielen, auch kirchenfernen Menschen. Warum ist das so? Ist es nur die Architektur, der uralte Kulturboden, die Schönheit?

„Ich habe das Sanctus, Sanctus, Sanctus von den Kardinälen in Sankt Peter und das Swiat, Swiat, Swiat in der Kathedrale im Kreml und das Hagios, Hagios, Hagios vom Patriarchen in Jerusalem gehört. In welcher Sprache immer sie erklangen, diese erhabensten Worte, immer greifen sie in die tiefsten Gründe der Seele, aufregend und rührend mit mächtigem Schauer das Geheimnis des Überweltlichen, das dort unten schläft.“

Beschreibt der lutherische Theologe Rudolf Otto seine Eindrücke und Gedanken anlässlich einer Orientreise im Jahr 1911.

Zum mächtigen Schauer schreibt Prof. Anna Schoch: „Für einen Moment wird die Seele vom Mysterium des Heiligen, vom Gott Eros, berührt. Der Mythos wird nie ganz erlöschen, denn einen Gott kann man nicht wegdiskutieren. Er gehört zur Menschheit. Es sei denn man vernichtet die Menschheit, die – zumindest im Westen – zu dem verkommen ist, was Max Weber als „Fachmenschen ohne Geist, Genussmenschen ohne Herz“ beschrieben hat. Davor wird uns, so hoffe ich, der goldgeflügelte Gott Eros bewahren.

Was hat das alles mit unserer Anschauung von Erotik in unseren Zeiten zu tun? Wir haben unseren Eros ebenso verloren wie unsere Götter. Wir sind hilflos und orientierungslos unseren Emotionen ausgeliefert und wir glauben, wir könnten durch möglichst häufige, rein physische Triebabfuhr, das Dilemma lösen. Die Folge ist seelische Verrohung. Der Gott der Süchte hält unsere Physis aufrecht. Unsere Verzweiflung bekämpfen wir mit Antidepressiva, unsere Hilflosigkeit ertränken wir in Alkohol und unsere neue Religion ist eine zügellose Sexualität und der  Konsum, Unsere wirklichen Bedürfnisse kennen wir kaum oder wir verleugnen sie.“

Sex und Konsum – die neue Religion

Der Konsum hat die Religion abgelöst: wir erlangen Identifikation über die richtige Marke am Auto, mit dem neuesten handy, mit der Marke auf unserer Kleidung. Das schafft Zugehörigkeit. Die muss man sich nicht mehr erdenken oder erarbeiten, die Gemeinschaft kann man sich kaufen. So zitierte ich Philipp Blom im Blogartikel Wendezeit. 

„Sexualität, darin hat Sigmunds Freud Recht behalten, wurde, neben dem Konsum,  tatsächlich eine Art von Religionsersatz im 20. Jahrhundert. Aber sie ist eben nur der Ersatz und nicht das Original.

Seit der Zusammenhang von Sexualität und Fortpflanzung entkoppelt wurde, ist die gesamte Wertewelt, die den Umgang der Geschlechter miteinander regelte, aus den Fugen geraten. Man kann die Geschlechterspannung nicht durch Gleichmacherei und Emazipationsbemühungen weg diskutieren. Sie bleibt eine Tatsache. Einerseits wirken in uns noch die Wertvorstellungen des 19. Jahrhunderts. (C. G. Jung: „Die Seele ist konservativ.“) – andererseits leben wir in einer ganz anderen Wirklichkeit. 

Eros ist ein Urinstinkt, eine Grundlage des Lebens. Keine Angelegenheit für Geschäftemacher und Marktschreier. Auch wenn der alte Journalistenspruch „Sex sells!“ stimmt. Sex verkauft sich, weil alle Konsumenten hoffen, etwas über die eigenen Sehnsüchte zu erfahren. Eros ist noch nicht im Bezahlfernsehen angekommen. Seine Kommerzialisierung ist so absurd, wie Atemluft zu verkaufen. Weil dies so ist, wurde zu allen Zeiten der Verkauf von Lebensgrundlagen als obszön empfunden.

Wir sollten nicht leichtfertig mit Sexualität umgehen. Was immer es ist, ob archaischer Trieb oder numinose Macht – oder Beides: Er bleibt ein menschlicher, biologischer Vorgang, der  unseren Respekt verdient.“ Soweit Prof. Anna Schoch.

Sexualität und Spiritualität gehören zusammen

Ein Geschenk Gottes, das Lust, Leidenschaft, Erfüllung, Staunen, Erkennen, Ekstase beschert und neues Leben schafft. Das sollte wahrlich goldene Flügel verleihen. 

Eros ist aber in noch viel mehr zu finden: in der Liebe zum Geistigen, Schönen, zur Ästhetik, aber auch im Verzicht, im Sinne von: auf Vieles zu verzichten, um etwas Höheres zu sichern. 

Schau einmal, ob deine Flügel ausreichend Gold haben. 

Herzlichst

Sissy

LINK

https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Gustav_Jung 

http://www.annaschoch.de/wordpress/