Graf Blaubart

Dieser schöne, aber finstere Geselle ist schon lange mein Wegbegleiter. Immer wieder meine ich, ihn endgültig abgeschüttelt zu haben, dann taucht er wieder auf. Aber nach und nach verliert er seine zerstörerische Kraft.

Gut und böse, Licht und Schatten – der Tanz findet in jeder von uns statt. Nur die ganz Naiven, die sogenannten Gutmenschen, glauben, in der Sonne stehenbleiben zu können. „In jeder von uns lebt eine potentielle Mutter Theresa und ein potentieller Hitler“ – dieser Satz hat mich in jungen Jahren höchst verstört, so nach und nach habe ich ihn verstanden.

In Clarissa Pinkola Estés Wolfsfrau heißt es: „ Die Innenwelt jedes Individuums wird von vielen unterschiedlichen Wesen bevölkert, die alle ihre eigenen Wertvorstellungen und Beweggründe haben und eigene Absichten verfolgen. Es gibt psychologische Techniken, mit deren Hilfe diese Wesen arretiert werden können, gezählt, mit Namen versehen und soweit gezähmt, dass sie wie Soldaten im Gleichmarsch daherkommen. Aber damit wird das aufmüpfige Glimmen in den Augen einer Frau ebenfalls unterdrückt, ein gewisser Zündstoff wird ihr entzogen und die Brisanz, die eine funkensprühende Spontaneität oder Intensität möglich macht. Anstatt diesen Wesen Fußschellen anzulegen und sie zu Tode zu dressieren, halte ich es daher für ratsamer, ihnen eine Art Naturpark in unserem Inneren einzurichten, in der die Künstler unter ihnen kreativer, die Heiler heilsamer und Liebevollen liebevoller sein können. Denn es steckt immer auch eine immense Kraft in diesen Gesellen. 

Und für die Zerstörungswütigen und Gemeingefährlichen, wie den Blaubart, braucht es ein Raubtiergehege.

 

„Es ist immer ein hartes Stück Arbeit, im Gegenüber das eigene Manko, die eigene Schwäche oder, besonders schmerzlich, die eigenen zerstörerischen Aspekte zu sehen.“

– Sissy Sonnleitner

Ein faszinierender, dämonischer Gesell

Um diese Schattenanteile unserer Psyche besser zu verstehen, wurden sie in Märchen verpackt und mit den Bildern die unser Gehirn dazu erzeugt, verstehen wir manchmal besser, was sich dahinter verbirgt.

Bist Du bereit? Dann stell’ ich Dir diesen dämonischen Gesellen gerne vor. Zuvor eine Warnung: für ganz zart besaitete Wesen ist das Märchen vielleicht nicht geeignet.

Graf Blaubart war ein stattlicher, hochgewachsener Mann mit stechend blauen Augen und einem bläulich schimmernden Bart, welcher ihm ein faszinierend bedrohliches Aussehen gab. Auf jeden Fall war er ein Frauenheld, ein gescheiterter Zauberer und Anhänger der schwarzen Magie.

Mit seinen Verführungskünsten bezirzte er eines Tages drei Schwestern und deren Mutter. Alle waren ihm in einer Mischung aus Faszination und Schauder fast erlegen, doch bei den älteren Schwestern und der Mutter obsiegte letztendlich der klare Frauenverstand und sie wandten sich von ihm ab. Nur die Jüngste schob alle Bedenken beiseite. „Wenn ein Mann so charmant, so schön, so aufmerksam, so amüsant ist, kann er doch nicht schlecht sein, oder?“

So machte er ihr einen Antrag und das Paar wurde getraut. Blaubart brachte seine junge Frau auf das Schloss seiner Ahnen im großen Tannenwald hinter den Bergen.

Eines Tages eröffnete der Graf seiner Gemahlin, dass er für ein paar Tage verreisen müsse. „Du kannst Deine Familie einladen, ein Fest feiern, Du kannst tun und lassen, was Du willst. Hier ist der Schlüsselbund für alle Kammern des Schlosses. Schau’ Dich um! Nur diesen einen, kleinen Schlüssel darfst Du nicht verwenden, die Türe, für die dieser Schlüssel passt, darfst Du nicht öffnen. Hörst Du?“

„Keine Sorge, geliebter Mann. Ich werde tun und lassen, was du befohlen hast. Komm bald und wohlbehalten nach Hause zurück!“

Gleich am nächsten Tag kamen die beiden Schwestern zu Besuch und gemeinsam eroberten sie alle Zimmer des Schlosses. Und neugierig, wie Frauen nun einmal sind, war auch bald die letzte Türe gefunden, in deren Schloss der verbotene Schlüssel passte.

Nach kurzem Zögern öffneten sie Türe. Die Kammer war so finster, dass sie eine Kerze holen und mussten und dann stockte ihnen das Blut im Leibe: Sie sahen einen Berg von blutüberströmten Frauenleichen, deren Köpfe und Gliedmaßen abgehackt und in einer Ecke zu einem Turm aufgeschichtet worden waren. 

Sie schlugen die Tür gleich wieder zu und verriegelten sie, aber als die Jüngste auf den Schlüssel in ihrer Hand herabblickte, sah sie, dass er blutig war, dass leuchtend rote Blutstropfen auf ihr Gewand und ihre kleinen, weißen Seidenschuhe fielen. So sehr sie sich bemühten, das Blut wegzuwischen, dem Schlüssel entströmte ein nicht enden wollendes Rinnsal frischen, roten Menschenblutes und es ließ sich von keinem Wasser rein waschen, von keinem Wachs versiegeln. (Auszugsweise aus „die Wolfsfrau“).

Erkennst Du den Schatten in Dir?

Wie das Märchen weitergeht, erzähle ich Dir das nächste mal. Warum mir Blaubart so vertraut ist?

Ich bin von Natur aus ein sehr fröhlicher Mensch, in jungen Jahren durchaus auch eine „Schwester Leichtfuß“. Wenn’s einen einfachen Weg gab, habe ich ihn vorgezogen. Und dann war ich immer irritiert, wenn mein Umfeld die Dinge viel schwerer nahm und habe mich gewundert, warum ich von so vielen destruktiven Menschen umgeben war. Konnte ich doch in mir so gar keine Spur von Destruktivität feststellen. 

Erst als ich die Fährte der  „nicht enden wollende Blutspur“ aufnahm, erkannte ich, wieviel gut versteckt Zerstörerisches ich in mir habe. Die Blutspur steht dafür, wenn frau vermutet, nun endlich eine Lösung für ein immer wieder auftretendes Problem gefunden zu haben, und plötzlich steht es in leicht abgeänderter Form wieder da. Dann wagte ich, in kleinen Dosen, den Blick in meine eigene „Leichenkammer“, erkannte, wo ich nicht zu mir stand, wo ich mich beschränken ließ, wo ich mit meinem Körper nicht sorgsam umging und wo ich die Schuld überall suchte, nur nicht in mir. Wo ich lieber in der Opferrolle verharrte, da kann frau sich’s schon auch recht bequem einrichten.

Die lebendige Bibliothek

Es ist immer ein hartes Stück Arbeit, im Gegenüber das eigene Manko, die eigene Schwäche oder, besonders schmerzlich, die eigenen zerstörerischen Aspekte zu sehen. Aber für das Stoppen der immerwährenden Blutspur, lohnt sich diese Arbeit.

Kannst Du etwas anfangen mit diesem Bild. Hast Du so eine Blutspur? Schreib’ mir gerne.

Fürs Aufspüren unserer Schatten ist die „lebendige Bibliothek“ ein großartiges Mittel: versuche, in jedem Menschen, der dir begegnet und dich ein bisschen irritiert, zu lesen, was er Dir vielleicht über Dich verrät. Wir erschaffen und erkennen einander im Gegenüber. 

Suche und umarme Deinen Schatten! Darunter liegt ein Schatz!

Herzlichst

Sissy

LINKS UND LITERATUR

Die Wolfsfrau – Clarissa Pinkola Estés

2 Kommentare

  • Ilse sagt:

    Vielen Dank…du schaffst es die Dinge auf den Punkt zu bringen und Hoffnung weiterzugeben. Deine mails kommen für mich immer zum richtigen Zeitpunkt, dass ich meinen Blickwinkel wieder verändern kann. Glg aus Millstatt Ilse

    • Sissy Sonnleitner sagt:

      Liebe Ilse!
      Danke für Deine lieben Zeilen. Ich freu‘ mich, wenn die Schwingungen über
      den Berg drüber gehen und Dich erreichen. Das ist die beste Motivation für
      mein Schreiben. Alles Liebe an den Millstättersee – bin grad mit Werner
      Schneyder im ORF eingetaucht in dieses schöne Fleckchen Kärnten. Herzlichst
      Sissy

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