My way

Vor zwei Jahren haben wir das große Abschiedsfest für unser Haus, die „Kellerwand,“ gefeiert. Ein Fest voll Emotionen, Dankbarkeit, Wehmut, mit Wegbegleitern, die mehr als Gäste und Mitarbeiter waren. Mit der Familie, die in die gleiche Geschichte eingewoben ist und für die unser Entschluss zwar nachvollziehbar war, aber trotzdem auch ihr Leben in entfernter Weise betraf. 

Zwei Jahre zuvor, also 2017, ist mein Mann gestorben. Eine Veränderung meines Lebens, dessen Ausmaß ich über die Jahre nur häppchenweise verarbeiten konnte. Zu sehr hätte mich die gesamte Dimension aus der Bahn geworfen.

Nun hieß es noch einmal einen großen Abschied vorzubereiten. Für diesen Abend hatte meine Freundin Erika, die als begnadete Sängerin viele, wunderbare Abende in unserem Haus gestaltet hat, die musikalische Regie übernommen. Ehemalige Mitarbeiterfreunde traten ein Letztesmal in Küche und Service in Aktion, als ob nicht Jahre, Jahrzehnte, inzwischen vergangen wären.

Das letzte Lied, das mir fast den Boden unter den Füßen weggezogen hat, war „my way“ von Frank Sinatra (Paul Anka). Der Text beschreibt selbstbewusst die Hochs, die Tiefs, die Reue, das Planen, das Scheitern, die Fehleinschätzung, das Lachen, Weinen, Lieben. Aber letztendlich auch immer die überzeugende Erkenntnis: I did it my way – ich hab’s auf meine Art getan.

My way

And now, the end is near
And so I face the final curtain
My friends, I’ll say it clear
I’ll state my case of which I’m certain
I’ve lived a life that’s full
I traveled each and every highway
But more, much more than this
I did it my way

Regrets, I’ve had a few
But then again, too few to mention
I did what I had to do
And saw it through without exemption
I planned each chartered course
Each careful step along the byway
But more, much more than this
I did it my way

Yes, there were times, I’m sure you knew
When I bit off more than I could chew
But through it all, when there was doubt
I ate it up and spit it out
I faced it all and I stood tall
And did it my way

I’ve loved, laughed and cried
I’ve had my fill, my share of losing
And now, as tears subside
I find it all so amusing
To think I did all that
And may I say, not in a shy way
Oh no, no, not me
I did it my wa

For what is a man, what has he got
If not himself then he has not
To say all the things he truly feels
And not the words of one who kneels
The record shows, I took the blows
But I did it my way

Die Übersetzung: 

https://www.songtexte.com/uebersetzung/frank-sinatra/my-way-deutsch-3d6a9d3.html

Eine neue Zeit

Nun, zwei Jahre später geht sie in eine neue, gute Zeit, die Kellerwand. Nach mehr als 250 Jahren und 10 Generationen fällt der Vorhang und ein neuer Vorhang zu einem neuen Akt, einem neuen Lebensabschnitt tut sich auf. Wir sind über den neuen Weg, den junge Menschen aus dem Ort für das Haus planen, sehr glücklich und wissen, dass das Herzblut und die Leidenschaft, die wir alle in unser Haus gesteckt haben, eine neue, gute Fortsetzung findet. 

Mit leichtem Gepäck wollte ich reisen. Ha! Ein großer Vorsatz, lässig ausgesprochen, über den ich heute auch nur lachen kann. An so vielen Dingen hängen so viele Erinnerungen, dass es bestenfalls ein mittelschweres Gepäck wurde.

Die Frage, die ich mir in letzter Zeit stelle, ist eher, was an Erinnerungen möchte ich aus dieser langen Zeit mitnehmen? Wie schwer soll dieses Gepäckstück werden.

Betrachte und beurteile deine Vergangenheit nie mit dem Wissen von heute.
Das ist lieblos, und du drohst in Schuld und
Versagen steckenzubleiben .

– Sissy Sonnleitner

Das mentale Gepäck

„Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit“ heißt ein Buch von Ben Furman. So ist es auch nie zu spät für ein gelungenes Berufsleben, auch wenn man sich eingestehen muss, dass die immensen Anstrengungen, das volle Engagement, das ganze Herzblut letztendlich nicht ausgereicht haben, um auch in der 10. Generation aus dem Erbe noch Leben zu gestalten. Ist das ungerecht, ist das demütigend, haben wir versagt? 

Wie fatal wäre die Einstellung, gescheitert zu sein, halt einfach nicht gut genug für seinen Job gewesen zu sein, einen großen Besitz in den Sand gesetzt zu haben. Wieviel Versagen, wieviel Bitterkeit, Schuld und Scham wären da mit im Gepäck, und wie würde sich all’ das wie Blei unter die Flügel legen. 

Mit einer solchen Erinnerung auf die Bühne des neuen Aktes zu treten, hieße den Ballast des letzten Aktes mitzunehmen und vor sich her zu schieben. 

Es geht dabei nicht um Schönfärberei der Vergangenheit, denn klar: wir haben Fehler gemacht, wir haben Menschen verletzt, oder nicht gesehen, wir haben falsche Entscheidungen getroffen, aber das ist Leben. Natürlich tut mir manches leid, weiss ich, dass wir anders hätten handeln können, oder eben, mit dem jeweiligen Wissen halt nicht. Der Weg war lang und steil und mühsam, manchmal von dichten Nebelschwaden verhangen und immer wieder einmal war der Akku leer. 

Wie lieblos, bis arrogant wäre es, rückblickend die jeweilige Situation mit dem Wissen von heute zu beurteilen.

Jederzeit abrufbar stehen sie da, die Situationen, in denen ich nicht wusste, wie’s weitergeht, wenn die Herausforderungen in Beziehung, Familie, Betrieb kollidierten und scheinbar keine Hilfe, kein Ausweg am Horizont sichtbar war. Kann ich diese Momente des Versagens, des Scheiterns, rückwirkend  noch positiv besetzen, sodass sie mir nicht in den neuen Akt hereinpfuschen?

Ein neuer Blick

Ja, es gibt eine wunderbare Möglichkeit: Ich geh’ zurück in diese Situation, spüre nocheinmal diese Enge und die Verzweiflung und dann stell ich mir vor, dass ein großer Engel hinter mir stand und seine Flügel schützend über mich breitete und mich beschützte, sodass ich weitergehen konnte. Denn definitiv bin ich ja weitergegangen. Ich habe es ja überlebt. Und rückblickend habe ich auch den Sinn der jeweiligen Krise erkannt. 

Das ist das Zauberritual, das die Wege der Vergangenheit und die Menschen, die mitgegangen sind, in ein Licht von Vertrauen, Milde und Zuversicht taucht, dich und dein Umfeld aus Schuld und Scham entlässt und Vergebung möglich macht. Und wenn du diese Milde dann auch für jene Menschen gelten lässt, von denen du glaubst, sie wären daran schuld, dass du nicht glücklich sein kannst, dann kann aus deinem Leben ein großer Akt des Gelingens, ein Wunder werden. Und das ist das Leben definitiv. 

Und so packe ich meine reichen Erfahrungen, die die Liebe für Familie, Küche, Garten, Gastfreundschaft und Gemeinschaft mit sich brachte, meine Stärke, meine Zuversicht und meine ungebrochene Neugier aufs Leben ein und bin dankbar, dass der Vorhang für etwas ganz Neues aufgegangen ist. 

für Kurt

wenn es eine neue Erde gibt,
möchte ich mir von der alten
den einen Augenblick mitnehmen dürfen,
an dem wir erkannten,
dass wir einander wieder
immer noch lieben. 

Christine Busta

Ein intensives und mutiges Abenteuer geht und zu Ende und ich kann mit Freude und Stolz sagen: I did it my way.

Herzlichst

Sissy

2 Kommentare

  • Patrick Voggenreiter sagt:

    Liebe Frau Sonnleitner,

    nur zweimal durfte ich den Geist der Kellerwand in vollen Zügen genießen. Für mich ein Ort der Erholung, der Ruhe, der Herzlichkeit und natürlich der unbeschreibliche Duft der Küche, der Generationen übergreifend wirkte. Von der Kindheit, bis zum erwachsenen Leben … ein roter Faden, getragen vom Duft. Nicht nur für Ihre Familie, auch für uns Gäste. Jeder mit seiner eigenen Geschichte, die in der Kellerwand für einen Moment miteinander verknüpft wurde. Als Gast wurde ich erhoben und habe noch ein gutes Jahrzehnt später eine wunderbare Empfindung, wenn ich daran denke. Ihre Flügel waren dann wohl auch unsere. Gerade heute gab ich Zaubereien aus Ihrer Küche zum Besten. Es war letztlich nur gerösteter Knoblauch aus dem Ofen, aber er wirkt immer noch nach, so dass er auch Jahre später noch Teil einer Geschichte ist.

    Von der Ferne Grüße ich gerne … in wunderbarer Erinnerung. Es waren nur zwei Wochenenden … und ich denke die lange Geschichte der Kellerwand, unter der Obhut Ihrer Familie und Generationen, hat eine Menge zu erzählen.

    Das ist gut so.

    Wie hat es der mystische Dichter RUMI ausgedrückt:

    Denkst Du, ich wüßte, was ich tue ?
    Daß ich auch nur für einen oder einen halben Atemzug im Besitz meiner selbst bin ?
    Nicht mehr als ein Stift weiß, was er schreibt, oder der Ball erraten kann, wo er als nächstes hinrollt.

    In diesem Sinne denke ich, schön, dass ich Sie in der Kellerwand erlebt habe. Und wahrscheinlich wird die kommende Kellerwand auch Geschichten schreiben.

    Aber ich war für einen Wimpernschlag in Ihrer Geschichte.

    Danke dafür und ich wünsche Ihnen viel Bewusstsein für die nächsten Schritte

    Herzlichst, Ihr Patrick Voggenreiter

    • Sissy Sonnleitner sagt:

      Lieber Patrick!

      Danke für die zauberhaften Zeilen, wie wunderbar, dass der „Wimpernschlag“ bis heute anhält,
      und durch Ihren Kommentar weiterlebt. Es sind Menschen wie Sie und Ihre Familie, die unser
      Leben durch die gegenseitige Wertschätzung bereichert haben. Das waren auch in anstrengenden
      Zeiten die Lichtblicke und die unverzichtbaren Vitamine. Danke auch für die „Rumi“ Gedanken,
      sie berühren mich sehr.
      Auch Ihnen eine gute Zeit und nochmals DANKE!
      Herzlichst
      Sissy

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