„Ein richtiger Mann“ – ein Auslaufmodell

Sei ein Mann, ein Indianer kennt keinen Schmerz, der Mann muss der Frau überlegen sein in Sachen Größe, Selbstwert und Geld. Mein Vater ergänzte diese Sprüche, wohl scherzhaft, mit:ein Mann ist immer bewaffnet, wenn er sein Taschenmesser zückte, um einen Apfel zu teilen. 

Solchen „richtigen Männern“ bin ich im Gasthaus meiner Eltern vielen begegnet, was dazu geführt hat, dass ich ihnen in weiterer Folge mit höchstem Misstrauen gegenüber gestanden bin und mich eher von solchen mit klar erkennbar weichen Anteilen angezogen fühlte. Aktuelle Feldstudien lassen mich erkennen, dass es die Ausgewogenheit von Logos und Eros ist, die mich an solchen Menschen fasziniert. 

„Sei ein Mann“ ist also heute, zum Glück, eine ganz neue Forderung. Korrekterweise kann man sagen: „sei ein Mensch“ und bemühe Dich, die weiblichen und männlichen Anteile – Eros und Logos – in Dir in Balance zu bringen und so sehe ich mich als Botschafterin des göttlichen Eros, jener Kraft, die jetzt in allen Lebensbereichen so dringend gebraucht wird.

Logos und Eros

 „Logos und Eros sind Begriffe, die in der analytischen Psychologie für die inneren weiblichen und männlichen Anteile im Menschen verwendet werden. Unterschieden werden die Bilder vom kollektiven Archetyp der Großen Mutter bzw. des Großen Vaters, also die Urkräfte, die in der Welt wirken und den  Eros- und Logosanteilen, die jeder Mensch in sich trägt .“(Wikipedia).

Meine prägendsten Wegbegleiter auf dem Weg zur Botschafterin des göttlichen Eros sind Veit und Andrea Lindau. Dieses Kapitel ist auf weiten Strecken von ihren Gedanken durchwebt. 

Logos, die männlichen Anteile symbolisieren die Kraft, die verstehen will, der Geist, der sich dem Licht entgegenstreckt, der die Materie überschreiten will.

Eros, die weiblichen Anteile machen uns empfangend, dienend, weich, rund, nährend, schützend und großzügig. Logos sucht die Wahrheit am Horizont, Eros findet die Wahrheit hier und jetzt. Logos repräsentiert den Willen zur Macht, und wenn er nicht mit Eros gekoppelt wird, entsteht diese Form der Macht, die wir als die ausbeutende Macht der „alten, weißen Männer“ bezeichnen, oder die Macht, die die Kirche ausgeübt hat und an der sie in atemberaubender Manier heute noch festhält. 

Sei ein Mensch

und bemühe

Dich,

Logos und Eros

in Dir in

Balance

zu bringen.

– Sissy Sonnleitner

Das Prinzip von Eros und Logo

Das Eros-Prinzip bezeichnet die Dimensionen der seelischen Beziehung, der Verbundenheit, der Liebe, Erotik, Sinnlichkeit und Sexualität. Es meint darüber hinaus auch die Schönheit, Ästhetik und Harmonie. Desgleichen gehören zum Eros die Kunst, der Humor, die Freude, das Mystische, das Meditative, die All-Verbundenheit, Einheits-, Glücks- und Ekstaseerfahrungen.

Logos ist eine extrem wichtige Macht, die uns Wohlstand uns Fortschritt beschert hat, nun aber kurz davor ist, den Karren an die Wand zu fahren, wenn sie sich nicht in allen Lebensbereichen mit Eros verbindet. 

Jede Frau, jeder Mann tragen weibliche und männliche Persönlichkeitsanteile in sich, aber die Gesellschaftsstruktur, in die wir hineingeboren sind, das Patriarchat, hat über Jahrtausende Logos gefördert und Eros weitgehend unterdrückt, oder ihm zumindest nicht genug Raum gegeben. Das hat nicht nur uns Frauen unsägliche Wunden zugefügt, auch Männer sind Opfer des mangelnden Eros und zahlen einen immens hohen Preis. Nun lernen wir gerade schmerzlich durch eine steigende Zahl an Femiziden, dass das System eine neue Lösung braucht.

toxische Männlichkeit

Ute Leimpold setzt sich mit toxischer Männlichkeit auseinander und schreibt: „auch Männer leiden unter den Machtstrukturen des Patriarchats. Mutproben, Trinkspiele, physisches Kräftemessen oder Erniedrigungsrituale sind die Männlichkeitsriten. Männer aus patriarchalen Kulturen, die aus diesen Normen ausbrechen wollen, finden in unserer Umbruchsgesellschaft keine Orientierung. Sie haben immer gelernt, keine Schwäche zu zeigen, sind  immer auf Wettbewerb und Dominanz aus, lernen Gefühle zu unterdrücken, Ängste zu verschweigen – Auswege aus dieser Krise bietet  ihnen nur die Gewalt.“

C.G.Jung und Eros

Bei Männern ist Eros, die Beziehungsfunktion, in der Regel weniger entwickelt, als Logos, das Erobern, das nach Vorwärtsstreben, das Schneller, Höher, Steiler.  Bei Frauen dagegen bildet der Eros einen Ausdruck ihrer wahren Natur. Die wahre Schönheit der Frau ist die Hingabe, an das Leben, an die Liebe, an das Miteinander, an das Heilen und Schützen. Das heißt nicht, dass Frauen nicht zum Erobern, Erfinden, Vorwärtsstreben geeignet sind, aber sie dürfen das Miteinander, das Schützen und Heilen nicht aus den Augen lassen. 

C.G. Jung beschreibt den Unterschied der Sichtweisen z.B. so: „Eros ist vor allem die seelische Beziehung und Männer sind in dieser Hinsicht oft blind, indem sie dem Missverständnis erliegen, Eros mit Sexualität zu verwechseln. Ein Mann der glaubt, eine Frau zu erobern, weil er sie sexuell erobert hat, irrt. Er hat sie nie weniger erobert. Für viele  Frauen ist Ehe und Partnerschaft eine seelische Beziehung mit der lustvollen Beigabe der Sexualität.“

Nach alten mythologischen Vorstellungen der Griechen ist es Gott Eros, der das Leben auf der Welt geschaffen hat. Die Erde ist kahl und leblos, bis Eros seine Pfeile in die Erde schießt und das Leben, die Freude und die Bewegung hervorbringt und in Mann und Frau den Geist des Lebens einbläst. Neben der schöpferischen und sexuellen Energie steht Eros auch für die Sehnsucht nach dem edlen und höheren Leben, dem Schönen, Wahren und Guten. Zu Eros gehört deshalb auch die Begeisterung für alles Heilige, für Kunst, Philosophie, Wissenschaft.

Eros überwindet die wohl am dringlichsten und unmittelbarsten erlebten polaren Spannungen: nämlich die zwischen Mann und Frau, zwischen Wissenschaft und Spiritualität, zwischen Wirtschaftswachstum und Klimaschutz.

Eros braucht Raum

Ohne Eros verbrennt die Erde. Eros prägt das weibliche Antlitz der Erde, wenn Eros erwacht, wird es keine Verlierer geben, denn er ist auf Heilung aus. Ökologische Regeneration geht nicht ohne Eros, die Kräfte des Heiligen Lebens, die Urkräfte von uns Frauen,  Kräfte der Erde, Elementarkräfte des Wassers. Wenn Eros Raum bekommt, breitet er sich alleine aus.

Fakt ist, dass das Bewusstsein der Frau mehr durch das Verbindende des Eros als durch das Unterscheidende und Erkenntnismäßige des Logos charakterisiert ist. Die Emanzipation hat unseren Logos gefördert – welch ein Geschenk! Trachten wir nach einer guten Balance.

Nun braucht es mutige Männer, die ihre weiblichen Anteile kultivieren und erkennen, dass sie dadurch nicht zu Schwächlingen werden, sondern, ganz im Gegenteil, attraktiver und schöner.

Bleiben wir Frauen weich, empfangend, nährend, schützend und geschmeidig in unserer weiblichen Urkraft (Eros)  und verstandesmäßig klar, wenn es darum geht, unsere Position einzunehmen, für die Wahrheit einzustehen, das zu schützen, was uns heilig ist. Lernen wir, in Führung zu gehen und machen wir uns bewusst, dass Führen für viele Frauen dem Erlernen einer neuen Sprache gleicht.

Herrschen versus Führen

Das kann niemand präziser ausführen, als Andrea Lindau in Ihrem Buch „Queen is rising“.

Herrschen will selbst Macht haben, persönliche Macht. Es will andere als Objekte benutzen, im eigenen Interesse. Herrschen ist Eigennutz. Herrschen ist das, was wir seit ca. 10.000 Jahren im Patriarchat erleben. Die meisten Menschen begreifen sich als unbewusste Objekte und es ist ein gegenseitiges Ausbeuten. 

Führen bedeutet interessanterweise, unten zu stehen und der Gemeinschaft zu dienen. Die Führerin empfängt, was gut für andere ist und bringt das auf die Straße. Sie folgt nicht ihrem persönlichen Eigenwillen, sondern richtet sich an dem Punkt aus: was ist gut für uns alle. Führen ist die Kapazität, zu empfangen, was gut für das gesamte System ist. 

Der Gefahr des Missbrauchs unterliegen natürlich auch Frauen, noch größer ist allerdings die Gefahr, dienen mit aufopfern zu verwechseln und damit ist den Frauen am Wenigsten gedient.

Starke Frauen schätzen Männer mit einem ausgeprägten Erosanteil, weil sie ihren Logosanteil leben können und weil in jeder starken Frau das schwache innere Mädchen lebt, eine unbewusste Schattengestalt, die all’ das leben möchte, was die starke Frau sich viel zu wenig erlaubt: „schwach sein dürfen, sich anlehnen können, vom Prinzen gerettet werden, in Rosenblättern baden, auf Wolken schweben. (Maja Storch, wenn starke Frauen sich verlieben…).

Wie romantisch ist es doch, wenn der Beschützer am Gehsteig zur Straßenseite wechselt, die Autotüre öffnet, mir die Welt oder das Sternbild erklärt…….

Ich wünsch’ Dir einen erosvollen Mai!

Herzlichst

Sissy

LITERATUR

Genesis, Veit Lindau
Queen is rising, Andrea Lindau

 

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2 Kommentare

  • DI Regina Waldner-Groß sagt:

    Danke für die sinnvollen Worte. Wie schön ist es, wenn man Logos und Eros in sich vereint hat.
    Liebe Grüße

    • Sissy Sonnleitner sagt:

      Liebe Regina!
      Danke für Deinen Kommentar. Ja, es ist schön, in der Balance von Eros und Logos zu leben.
      Liebe Grüße
      Sissy

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