Nimm es geschenkt

Advent 2020. Alles ist anders. So scheint es. Glücklich, wer auf Rituale bauen kann, die auch in schwierigen Zeiten Mut, Halt und Zuversicht geben.

Mein Advent beginnt seit Kindertagen am 25. November. Ab diesem Tag wird in der Pfarrkirche Mauthen die „Novene zum heiligen Franz Xaver“, einem Wegbegleiter von Ignatius von Loyola und Mitbegründer der Jesuiten, abgehalten. Er gilt unter anderem als Seuchenheiliger und als im Jahr 1743 Mauthen von der Pest heimgesucht wurde, war mein Ur-,Ur-,Ur-,Ur-,Urgroßvater Mitbegründer dieser Novene, die an ein Gelübde gebunden ist. Diese Geschichte habe ich erst vor einigen Jahren erfahren und seither ahne ich, dass ich den Heiligen quasi in meinen Genen habe.

2020 drohte diese Andacht dem Lockdown zum Opfer zu fallen. Mit einigen wenigen Gleichgesinnten ist es uns gelungen, das Gelübde für die Pfarre auch heuer – oder gerade heuer einzulösen.

Für diese Zeit muss unser Patron, der heilige Markus, vom Hochaltar weichen und einer Holzstatue des Franz Xaver Platz machen, die ein frisch gewaschenes Messkleid trägt. Davor kniet ein Täufling, der an die Tätigkeit des Missionars in Indien und Japan erinnert.

Xaveri, großer Wundersmann

Jedes Mal, wenn ich die Figur am Hochaltar im November wiedersehe, bin ich tief in der Seele berührt. Eine Tatsache, die ich mir lange nicht erklären konnte und daher eher als romantische Verklärung abtat. Denn die Zeremonie ruft jährlich auch alte, längst nicht mehr zeitgemäße Gebete und Lieder in Erinnerung. Weihrauchschwaden steigen in die Luft und verteilen den süßen, harzigen Duft im Kirchenraum. Und wenn „Xaveri, großer Wundersmann“ erklingt, das auch mein Urgroßvater gesungen hat, zieht es mir beinahe den Boden unter den Füßen weg.  Nur Romantik? Oder doch mehr?

In anderen Jahren war die Kirche zur Novene voll besetzt. Heuer durften insgesamt nur zehn Menschen zur Andacht. Singen war nicht erlaubt,  nur die Orgel spielte die vertrauten Weisen. In dieser Reduktion bin ich dem Mysterium näher gekommen. Denn ich habe die Kraft des Rituals gespürt. 

In all den vergangenen Jahren war unser Hotel zur Zeit der Novene geschlossen. Wir hatten Ruhe und konnten das alte Jahr reflektieren, bedanken, abschließen und den Blick auf das Kommende richten. All das floss, Jahr für Jahr, in die Xaveri Novene ein und Jahr für Jahr wurde auf diesen kindlichen Glauben wieder ein Schäufelchen Mut, Kraft, Dankbarkeit und Zuversicht gelegt.

Reichtum meines Glaubens

In diesem Jahr, als ich mein ganzes Gewicht hineinlegen musste, damit die Andacht möglich wurde, habe ich plötzlich intensiv gespürt, wie das Depot an Zuversicht, Mut, Kraft und Liebe neu gespeist wurde. Durch Jahrzehnte eingeübt, kann der Prozess ganz tief in mir fast auf Knopfdruck, aktiviert, erneuert und aufgebaut werden. Das ist der Reichtum des Glaubens, für den ich so dankbar bin.

Dafür brauche ich meine Kirche. Als Raum, der Gottbegegnung möglich macht, die letztendlich in mir passiert. Die vertrauten Riten geben meinem Leben Halt, das Mysterium zeigt mir Wege auf, mit Unerwartetem umzugehen und auch in Krisen nach dem Schatz zu suchen. Gerade da ist er zu finden. Und diese Erfahrung macht vieles leichter. 

Vor diesem Hintergrund fallen mir zwei mir Gedichte ein, die mir jedes Jahr im Advent zu denken geben. Nimm sie als Geschenk für eine gute Zeit.

Wieder fährt der Zug in den Dezember ein.

Wieder fährt der Zug in den Dezember ein.
Wieder fragt man sich:
wozu soviel Gepäck
mitschleppen durch die Jahre?

Um wieviel leichter, wendiger
ungebundener könnten wir sein
mit etwas Handgepäck.

Wohin nur mit der Last, dem Müll,
wohin bloß mit dem Zuviel?

Die Armen wussten nicht um ihre Armut
ehe wir sie mit unserem Gepäck beglückten.
Sind wir Vorbilder für unsere Kinder?
Werden sie nicht ausgebildet
zu Diplom-Gepäckträgern?

Bald bemerken wir in unserer Gier,
dass die Zeit ebenso
gierig ist, wie wir.

Wieder fährt der Zug
in den Dezember ein.

Im Handgepäck: eine Erfahrung,
das Buch der Hoffnung,
ein Lächeln
und eine Hand
noch frei –
für Dich.

– Klaudia Schulze

Liebe schafft alles S Sonnleitner Advent unsplash

Was ich dir zum Advent schenken möchte

Einen Orgelton wider den finsteren Morgen,
meinen Atem gegen des Eiswind des Tags,
Schneeflocken als Sternverheißung am Abend
und ein Weglicht für den verloren geglaubten
Engel, der uns inmitten der Nacht
die Wiedergeburt der Liebe verkündet.

– Christine Busta

Der stille Advent in diesem Jahr birgt die Chance, das Wesentliche von Weihnachten wiederzusehen und über Worte nachzudenken, die uns seit Langem vertraut sind. Etwa die Öffnung, die Weite zu erkennen, die das Lied „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit…“ besingt. Diese Weite hat, wie ich denke, mit Arbeit zu tun und da und dort auch mit Umkehr.

In die Stille gehen

„Wenn dir in deinem Leben zum Glück etwas fehlt, dann sind in Wahrheit Selbstdisziplin und der Wunsch nach Entwicklung, Erweiterung und Öffnung gefragt“, habe ich mir vor langer Zeit notiert. „Wenn Dir zur Erfüllung etwas fehlt, sind Mut und Beharrlichkeit gefragt, um die Einsamkeit und die Leere zu ertragen, die mit diesem Wachstum verbunden sind. 

Nur wer glücklich ist, kann Glück verbreiten. Du musst mit Herz und Seele an dem Platz sein, den du dir erwählt hast. Ein geteiltes Reich, kann dem Feind nicht widerstehen, ein geteilter Mensch kann dem Leben nicht mit Würde begegnen.“

Du  musst mit Herz und Seele
an dem Platz sein,
den du dir erwählt hast.

– Sissy Sonnleitner

Der Advent lädt, wie ich immer wieder an mir selbst beobachte, auch dazu ein, Unebenes zu planieren. Wie Maria. An der Geschichte von der Verkündigung des Engels beeindruckt mich ein Satz besonders: Danach verließ sie der Engel. 

Der Bote ging und kam nicht noch einmal und noch einmal, um sie darin zu bestärken. Aus sich heraus wusste Maria und vertraute. Auch Josefs Haltung in dieser Situation verdient Respekt. Von ihm ist uns übrigens in der Bibel kein Wort übermittelt…

Leben bedeutet meiner Ansicht nach, dass wir Risiken eingehen müssen. Wir können das Leben nur richtig verstehen, wenn wir zulassen, dass das Unerwartete geschieht. Jeden Tag lässt Gott die Sonne aufgehen. Er schenkt uns den Tag und den Augenblick, in dem es möglich ist, zu ändern, was uns unglücklich macht. Um das zu erkennen, musst du in die Stille gehen. 

STILLE

Ursprung
alles
Lebendigen
wenn die Sonne
am Horizont verschwindet
und
der neue Morgen
aus-sichts-los
als stille Ahnung
stürmisch
das Herz bedrängt
dann
geschieht es
in
dir
du
gebierst
neues Leben.

– Heidrun Bauer SDS

Das Ende des Jahres ist ein guter Zeitpunkt, zurückzuschauen. Jedes Jahr und erst recht 2020.

Was war das für ein Jahr! Es hat die Pläne der ganzen Welt durchkreuzt. Es hat einer kranken Welt eine Trauerschleife umgebunden, hat dunkel und hell ganz klar voneinander getrennt. Die Karten werden neu gemischt. 

Der Advent lädt dich jedes Jahr ein, innezuhalten, zu reflektieren, zu dir zu kommen und in Dankbarkeit und Mut zum Aufbruch das Neue Jahr zu planen. Eine gute Zeit, wie ich finde, dir Fragen zu stellen.

  • Was soll neu werden in deinem Leben?
  • Was möchtest du ändern?
  • Was soll aufbrechen?

Wir können und müssen miteinander weitergehen. Und damit uns das gelingt, ist es nötig, dass wir unseren ganz eigenen Platz im Leben, in der Welt finden. Denn das Rädchen, das fürs Weiterdrehen des gesamten Kunstwerks nötig ist, bist du. Und nichts dreht sich weiter, wenn du es an deinem Platz, mit deiner Aufgabe, nicht tust. 

Mit einem Gruß aus Kärnten wünsche ich dir noch einen guten Advent und die Gnade der Weihnacht 2020! Mögest Du in all’ der Schwere dieses besonderen Jahres viel Licht und Liebe entdecken.

BLIAH!

Aan Advent wünsch i dir,
von dem du sagst;
„Er soll dauern.“

Weitn im Denkn
Raum ohne Mauern.
Wårme Händ’.
Wårme Augn’

und zan Schaugn
Z E I T.

Danåch sei bereit
neie Knospn zan
treibm
und sie tiaf
aus dir aussa
wåchsn zan låssn.

Und gib sen’
die Kråft mit
fia a spätare Bliah.

Um däs wer’ i betn
lei däs
wünsch’ i dir.

– Claudia Rosenwirth-Fendre

Frohe Weihnacht!

Sissy

 

Von den vier Frauen, deren Gedanken ich heute zitiere, haben mit Ausnahme von Christine Busta alle persönlich ihre Spuren in meinem Leben, in meinem Herzen hinterlassen. Ich danke dafür. 

2 Kommentare

  • Barbara Pressl sagt:

    Wieder von ganzem Herzen ein großes Danke für deine Worte , die Gedichte , die anschaulichen Darstellungen zum Advent!
    Ich, die ich nicht so gläubig bin, entdecke, wenn ich deinen Blog lese, dass mir es einfach gut tut deinen
    Spuren zu folgen … vielleicht ein kleiner Schritt zurück zur Gläubigkeit!
    Einfach Danke und alles Gute für dich und deine Familie!
    Barbara

    • Sissy Sonnleitner sagt:

      Liebe Barbara!
      Danke für Deine lieben Zeilen. Ich freu‘ mich immer, von Dir zu lesen.
      Schön, wenn wir in Gedanken verbunden bleiben und in die gleiche
      Richtung schauen. Euch allen alles Liebe! Sissy

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